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„Geld, Gesundheit und Gemeinschaft – Es geht ums Ganze“ – Ein Aufruf zur (R)Evolution
Autor: Ulrike Reiche und Birgit Naphausen
Rückblick auf den Kongress der Freien Gesundheitsberufe vom 14. bis 16.10.2011 in Kassel

Interessiert am Kongressthema der Freien Gesundheitsberufe (FG) fanden sich in der vhs Region Kassel zahlreiche Gesundheitspraktiker, Ärzte, Wissenschaftler und interessierte Laien zusammen, um in den zukunftsgerichteten Dialog über die Themen Geld, Gesundheit und Gemeinschaft zu treten.

Das Kongressthema „Geld, Gesundheit und Gemeinschaft – Es geht ums Ganze“ offenbarte schon am ersten Abend seine Dringlichkeit und Tragweite aufgrund von Reaktionen der KongressteilnehmerInnen, die begeistert waren von dieser Perspektive auf individuelle und gemeinschaftliche Gesundheit; die die Notwendigkeit solcher neuen Sichtweisen betonten.

Der Dachverband Freie Gesundheitsberufe hatte ein vielfältiges und anspruchsvolles Programm auf die Beine gestellt. Neben den Hauptvorträgen von namhaften Referenten aus der Wissenschaft, dem Gesundheits- und Bildungswesen gab es unterschiedlichste Angebote zur weiterführenden Information und praktischen Erfahrung: Alle in den FG vertretenen Methoden präsentierten sich im Rahmen von Infoständen, Workshops oder Vorträgen. Inspirierende Bilder und mitreißende musikalische Darbietungen wurden als verbindende Elemente eingesetzt. Den Auftakt zum Kongress bildete der Physiker, ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts und Träger des alternativen Nobelpreises Prof. Hans-Peter Dürr, der mit seinem Buch „Warum es ums Ganze geht“ den Impuls für das Kongressthema geliefert hatte und mit seinem Einführungsvortrag den roten Faden für die tragenden Botschaften des Kongresses legte. Prof. Dürr verblüffte die Teilnehmer mit seiner jugendlichen Frische. Zurückblickend auf seine jahrzehntelangen Erfahrungen als Quantenphysiker zog er das Resümee, dass die Welt in ihrem inneren Grund nicht dinglich, sondern immateriell sei und aus Möglichkeiten und Verbundenheit entstehe und bestehe. Er unterstrich, dass es für die heutigen Herausforderungen die Kreativität jedes Einzelnen brauche.

Ihm folgte der Wirtschaftswissenschaftler und praktizierende Buddhist Prof. Karl- Heinz Brodbeck, der in seinem bemerkenswerten Vortrag zur Krise des Geldes die Frage aufwarf, warum der Mensch dem Geld heute so viel Wert beimisst und welche Werte diesem geopfert werden. Die Wirtschaft sei ein Geflecht wechselseitiger Abhängigkeit. Im Geld werde dies offenkundig. Geldgier und Egoismus höben die grundlegende Vertrauensbeziehung auf, die dem Geldverkehr innewohne bzw. innewohnen müsste. Krisen seien die Folge.

Am zweiten Kongresstag sprach Dr. Ellis Huber, Vorstand der Securvita-Krankenkasse, zur sozialen Verantwortung der freien Gesundheitsberufe. Entschieden warb er für eine Stärkung der sozialen Verantwortung im gesamten gesundheitlichen Versorgungsbereich. Darin eingeschlossen sieht Dr. Huber die complementärmedizinischen Gesundheitsmethoden, wobei die einzelne Methode weniger wichtig sei als die Beziehung, die der Therapeut und Begleiter zum Ratsuchenden und Klienten aufbaue. Der Naturphilosoph Prof. Klaus-Michael Meyer-Abich stellte fest, wie die Rückbindung des modernen Menschen an die Natur aussehen könnte. Wenn es um Gesundheit geht, sei es das ganze System, das neu auszubalancieren sei. Dies unterstrich Prof. Meyer-Abich durch das Offenlegen der Missstände im heutigen Gesundheitssystem. Dr. Ruediger Dahlke führte seinen für die Leser des CO’MED Fachmagazins gut bekannten Ansatz zur Selbstheilung und Eigenverantwortung aus.

Der letzte Hauptvortrag wurde von Johannes Heimrath, Herausgeber der Zeitschrift OYA, übernommen und mündete in einem Aufruf zur (R)Evolution. Es gehe ums Ganze und um jeden einzelnen von uns. Die Perspektive zu gesundem Leben und Zusammenleben liege darin, dass jeder sich in seinem Alltag zu einem Handeln entscheidet, das auf der bewussten Prüfung von Stimmigkeit schon in den „kleinen Dingen“ beruht.

Im Verlauf des Kongresses wurde klar, dass es auf die drängenden Fragen im derzeitigen Geld-, Gesundheits- und Gemeinschaftswesen keine schnellen Antworten gibt; keine Politiker, die es richten werden und auch keine wissenden Referenten, die uns sagen, wo es jetzt lang geht.

Vielmehr kommt es darauf an, wie jede und jeder Einzelne sich in das gesamte Geschehen einbringt.

So sehr sich die einzelnen Vorträge inhaltlich auch voneinander unterschieden, so waren ihnen doch einige Kernbotschaften gemeinsam:

Vertrauen ist die wesentliche Voraussetzung, und zwar sowohl für ein Leben in Gesundheit und Würde als auch für ein funktionierendes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

Die Verbindung zur Natur ist für den einzelnen Menschen ebenso lebensnotwendig wie für die ganze Menschheit.

Gesundheit ist eine Frage der Bildung, sie ist für alle Menschen unabhängig von ihrem Alter relevant und gehört in das Bildungssystem integriert.

Die Freien Gesundheitsberufe sind das Dach für eine Gemeinschaft, die die gleichen Grundwerte teilt.

Als eine solche Gemeinschaft tragen die Freien Gesundheitsberufe eine soziale Verantwortung. Sie sind aufgerufen, den gesellschaftlichen Wandel mit zu gestalten und einen Paradigmenwechsel einzuleiten.

Es geht um ein Handeln in Bezug zur umgebenden Welt und zu dem, was sich als stimmig erweist. Es geht um Entwicklung. Dies können wir dadurch erreichen, dass jeder einzelne „Nein“ sagt zu dem, was trennt und zu dem, was schadet. Das bedeutet Arbeit an sich selbst: sich dem eigenen Schatten zuwenden und ihn integrieren, anstatt ihn auf andere zu projizieren und in Feindbildern zu bekämpfen. Für die Praktizierenden in freien Gesundheitsberufen war der Kongress eine Plattform, um sich auszutauschen und einander kennen und schätzen zu lernen – dies wurde nach Kräften genutzt.

Im Feedback zum Kongress kam der Wunsch zum Ausdruck, weitere solche Begegnungsplattformen zu schaffen und konkrete Projekte in Angriff zu nehmen. Darin sehen die Veranstalter ein wegweisendes Potenzial und eine Aufgabe. In dem Leitbild der FG sind die Hinwendung zu ganzheitlichem Wahrnehmen und Handeln, zu einer selbstverantwortlichen und sozial verantwortungsvollen Haltung sowie die Ermutigung zur kreativen individuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung verankert. Möglicherweise ist dieser Umstand der Grund dafür, dass die Teilnehmer des Kongresses sich einander so verbunden gefühlt haben. Zweifellos war die Veranstaltung Identität stiftend für den Verband der Freien Gesundheitsberufe, für Praktizierende in complementärmedizinischen Gesundheitsberufen und für die Kongressbesucher, die sich mit den Zielen der FG verbinden – und damit ein wertvoller Schritt in eine gesunde Zukunft, die wir gemeinsam schaffen können:

Eine zukunftsfähige Gesellschaft, in der Geld, Gesundheit und Gemeinschaft einen wohlgeformten Dreiklang ergeben.

Referenten und Vortragsthema (Abstract)

Prof. Hans Peter Dürr

Der berühmte Physiker, ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts und Träger des alternativen Nobelpreises zeigt auf, dass die Verwerfungen unserer Zeit – ob Kriege, Klimawandel oder die Krise der Ökonomie – die fatalen Folgen alten Denkens und eines überkommenen Weltbildes sind. Ein Paradigmenwechsel steht an! Die grundlegenden revolutionären Ergebnisse der modernen Physik weisen den Weg in eine lebenswerte Zukunft, die geprägt ist von Vielfalt und Verbundenheit: Vielfalt in Natur und Kultur, Verbundenheit der Menschen untereinander – und mit der Natur.

Prof. Karl-Heinz Brodbeck

Menschen erleiden die Welt, in der sie leben. Diese Diagnose des Buddhismus gründet in der Einsicht, dass kein Ding, kein Lebewesen aus sich existiert. Alle Phänomene sind nur, was sie sind, in gegenseitiger Abhängigkeit. Die natürliche ethische Folgerung aus dieser Einsicht ist das Mitgefühl und das gegenseitige Vertrauen. Die Wirtschaft ist ein Geflecht wechselseitiger Abhängigkeit. Im Geld wird dies offenkundig. Geldgier und Egoismus heben aber diese grundlegende Vertrauensbeziehung immer wieder auf. Krisen sind die Folge. Sie werden nur vermieden, wenn Mitgefühl und Vertrauen die Geldgier bezähmen.

Dr. Ellis Huber

Ein freier Gesundheitsberuf dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der ganzen Bevölkerung. Er sorgt für individuelle Gesundheitskompetenz und gesundheitsdienliche Lebensverhältnisse. Menschen, die sich als kompetent erfahren, die soziale Resonanz finden und die bei Entscheidungen mitwirken können, sind weniger krank. Die wichtigsten Gesundheitsressourcen sind heute Nächstenliebe und soziale Teilhabe. Wie also können wir ein Gesundheitswesen gestalten, das die Menschen zusammenführt und nicht spaltet, das die Wunden heilen kann, die ein kapitalistisches Wirtschaftssystem produziert?

Klaus Michael Meyer-Abich

In der ärztlichen Frage: „Was fehlt Ihnen?“, liegt eine verborgene Weisheit, denn uns fehlt in der Regel etwas Nichtmedizinisches, bevor wir medizinisch krank werden. Dies gilt im persönlichen wie im Arbeitsleben, aber auch im Verhältnis zur Natur. Alle Menschen sind für ihre Gesundheit mitverantwortlich, sei es in ihrem persönlichen Verhalten oder politisch hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Krankenkassen haben den gesetzlichen Auftrag, den Versicherten „dabei zu helfen und auf gesunde Lebensverhältnisse hinzuwirken“. Demgegenüber ist das heutige „Gesundheitswesen“ nur noch ein Krankheitswesen. Wie könnte sich dies ändern?

Dr. Ruediger Dahlke

Aus Sicht der deutenden Medizin von „Krankheit als Symbol“, die Dr. Dahlke bekannt machte, ist jede Heilung letztlich Selbstheilung. Wir können Organismus und Seele dabei allerdings sehr unterstützen. Hier hat Eigenverantwortung die entscheidende Rolle. Solange wir Verantwortung nach draußen projizieren, finden wir zwar nach Belieben Schuldige für unsere Probleme, aber sicher keine Heilung. Diese wird dadurch eher blockiert. Sobald es aber eigenverantwortlich gelingt, die Weichen richtig zu stellen, durch förderliche Entscheidungen von der Ernährung bis zur dem eigenen Weg entsprechenden Einstellung, kann der Organismus wahre Wunder der Heilung vollbringen.

Johannes Heimrath

Unser Denken wurzelt in Erzmetaphern, die unserer Kultur Dauerhaftigkeit sichern, zum Guten wie zum Schlechten. Wollen wir Gesundheit neu denken, so müssen wir die krankmachenden Metaphern beleuchten, sie gegen neue Bilder austauschen oder ihnen mindestens einen neuen Rahmen geben. Dasselbe gilt für unsere Vorstellungen vom Geld und seiner Beschaffung, die einer nachhaltigen Kultur im Weg stehen. Um Gesundheit aus dem Waren-Paradigma zu befreien, müssen wir die Gesellschaft zur Gemeinschaft entwickeln. Vor dieser großen Kommunikationsaufgabe sollen wichtige Erkenntnisse des Kongresses reflektiert werden.