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Die Notwendigkeit von Think Tanks für die Weiterentwicklung der komplementären Methoden
Autor: Martina Wandel/Dr. Christine Stolla
Ein Diskussionsbeitrag

Der Begriff des „Think Tank“ (oder auch Denkfabrik) entstand während des Zweiten Weltkrieges. Damals war es notwendig, die Gespräche zwischen militärischen und zivilen Experten, welche an streng geheimen militärischen Strategien arbeiteten, an abhörsicheren Orten stattfinden zu lassen, sogenannten „Tanks“.

Die Grundidee ist einleuchtend: Führende Experten der jeweiligen Zunft fanden sich zusammen und versuchten, durch die entstehenden Synergien multidisziplinär an bestehende Probleme heranzugehen und neue, ungewöhnliche Lösungsansätze zu finden. Diese Idee hatte auch nach dem Krieg Bestand und in den 1960er und 1970er Jahren wurden auch außerhalb der Sicherheitspolitik praxisorientierte Forschungseinrichtungen mit dem Begriff „Think Tank“ etikettiert. Ihre zentrale Aufgabe besteht in der Forcierung einer öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte sowie der Beratung von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. In der einschlägigen Literatur wird bei Denkfabriken mindestens zwischen „advokatorisch“, „akademisch“, teilweise auch zwischen „vertragsbezogen“ und „politisch“ unterschieden. 

Politische Ideen als Hintergrund

Hintergrund advokatorischer Denkfabriken ist weniger die Forschung, als politischideologische Ideen zu vertreten, offensiv, teils aggressiv zu bewerben und dadurch politische Debatten zu beeinflussen. Expertise wird meist extern eingekauft und muss zur internen Ideologie der jeweiligen Interessengruppe passen. Dadurch sind advokatorische Denkfabriken oftmals schwer von Lobbyorganisationen zu unterscheiden. Beispiele in Deutschland sind staatliche finanzierte parteinahe Stiftungen, welche aber deutlichen Kritiken ausgesetzt sind. (Als parteinah oder arbeitgebernah gelten die Friedrich- Ebert-Stiftung, die Konrad-Adenauer- Stiftung, die Hanns-Seidel-Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Heinrich- Böll-Stiftung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), das Institut der Deutschen Wirtschaft sowie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung.) Akademische Denkfabriken dagegen agieren im Bereich der Grundlagenforschung, erarbeiten folglich eigene Forschungsergebnisse und zielen auf langfristige Entwicklungen ab. Oft aber sind Think Tanks im Alltag nicht eindeutig einer Richtung zuzuordnen, vielmehr existieren häufig Mischformen. 

Warum es einen Think Tank für die komplementären Methoden geben sollte

Was sind Komplementäre Methoden? Dieser Begriff ist nicht definiert. „Complementary and Alternative Medicine – CAM“ ist die in Europa auf politischer Ebene verwendete Bezeichnung für Methoden aus Naturheilkunde, Naturmedizin und pädagogischer Gesundheitsförderung von Mensch (und Tier). Bislang werden unter „Komplementären Methoden“ Kinesiologie, Shiatsu, Atemund körperpädagogische Verfahren, Rolfing, Eutonie, Yoga u.a.m. zusammengefasst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Gesundheit in einem ganzheitlichen Sinne verstehen und dieser Komplexität gerecht werden, indem sie präventive und salutogenetische, das heißt an Gesundheits- und Heilungsprozessen orientierte Prinzipien erfüllen. Damit ergänzen sie die herkömmlichen medizinischen und therapeutischen Verfahren, die einem pathogenetischen Modell verpflichtet auf Krankheitszustände und -prozesse ausgerichtet sind. Die Komplementären Methoden sind an den individuellen Bedürfnissen der Menschen orientiert, arbeiten prozesshaft, erschließen und stärken die Ressourcen und wecken die Selbstheilungskräfte des Organismus. Die Klienten lernen, jene Verhaltensweisen, die sie gesundheitlich und in ihrer persönlichen Entwicklung beeinträchtigen, zu erkennen und nachhaltig zu verändern. Die Komplementären Methoden sind vielfältig in ihrer Ausrichtung, ihren Erfahrungen, ihren Anwendungsgebieten, ihren Gemeinsamkeiten, aber auch den Unterschieden. Einig ist man sich im – in Deutschland – schwierigen Stand gegenüber der Schulmedizin und Teilen der Öffentlichkeit. Dies ist zu einem bestimmten Anteil sicherlich dadurch begründbar, dass das Wissen um die Wirksamkeit der jeweiligen Methode zwar besteht, aber der wissenschaftliche Nachweis wiederum (noch) nicht erbracht wurde. 

Auseinandersetzung mit dem Gesundheitsmarkt

Die Erforschung der Komplementären Methoden ist nur in der Auseinandersetzung mit den Gepflogenheiten auf dem Gesundheitsmarkt möglich. Hier stehen sich EbM (Evidence-based Medicine), also die datengestützte Medizin die danach fragt, welche empirischen Belege und Daten es gibt, und die CbM (Cognition-based Medicine), die erfahrungsgestützte Medizin (Welche Erfahrungen und Beobachtungen gibt es?) gegenüber. Hier stehen sich übrigens auch Pathogenese und Salutogenese gegenüber. Die EbM ist Grundlage für Entscheidungen im Gesundheitsmarkt (Erstattung), fordert wissenschaftliches Vorgehen durch Experten und akzeptiert immer nur den neuesten Stand der Wissenschaft (sog. medizinischer Fortschritt). Die EbM kann kein ganzes Therapieverfahren beurteilen, etwas über den Gesundheitszustand aussagen, Erfahrungen und Traditionen berücksichtigen und ohne  Regelwerk spontan und individuell reagieren. Umso wichtiger ist es, zu prüfen, inwieweit die Forschungstechniken der EbM angemessen sind für die Erforschung der Komplementären Methoden und zu begründen, warum es an welcher Stelle eine Auseinandersetzung mit der CbM braucht, um Komplementäre Methoden zu beschreiben. Forschung kann auch mittels des nicht-statistischen Nachweises der therapeutischen Wirksamkeit am individuellen Klienten, auf der Grundlage der Aufwertung des ärztlichen / therapeutischen Urteils und der Erfahrung der Behandlerin erfolgen. Und: Fehlender Wirksamkeitsbeweis ist kein Beleg einer Unwirksamkeit! Und sofern dabei die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens und der Leitlinien für Studien beziehungsweise über das Berichten von Studien beachtet werden, wird es schwieriger, die Forschungsergebnisse zu missachten. 

Von den Ursprüngen hin zu unabhängigen Methoden

Es muss klar sein, dass ohne Forschung und Wirksamkeitsnachweis – gleich welcher Art – die Methoden in Zukunft einen immer schwereren Stand haben werden. Das Beharren auf dem bloßen Wissen um die Wirksamkeit und die personengebundenen Methodenvorstellungen der Gründerpersönlichkeiten können nicht mehr lange Bestand haben im momentanen Wandel des Gesundheitssektors. Ziel muss eine Emanzipation weg von den Ursprüngen zu unabhängigen Methoden sein mit Qualitätsstandards und Qualitätsnachweisen, Aus- und Weiterbildungsrichtlinien, politischem Engagement und selbstbewusster Position inner- und außerhalb des Gesundheitssystems. Nur auf diesem Weg werden die Methoden weniger angreifbar, können einzelne schlecht ausgebildete Personen den Ruf der Methoden nicht schädigen, und Artikel wie im Spiegel 34/18 („Heiler, Gurus, Scharlatane – der seltsame Boom der Alternativmedizin“) gehören hoffentlich der Geschichte an. Viel wichtiger ist aber die Möglichkeit, sich selbst zukunftsfähig zu gestalten und die Chancen des Gesundheitsmarktes zu identifizieren und zu nutzen. Um diese nicht wenigen und diffizilen Aufgaben anzugehen, aber zuvor erst einmal zu identifizieren, das heißt Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, gemeinsame Grundlagen zu erkennen beziehungsweise überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden, bedarf es eines nicht zu unterschätzenden Arbeitsaufwandes. 

Ein Think Tank aus engagierten Mitgliedern der Komplementären Methoden wäre an dieser Stelle Mittel der Wahl, um eine Zukunftsfähigkeit der Methoden herzustellen.

Der Schwerpunkt des Think Tanks muss klar als akademisch definiert sein, um seine Integrität zu unterstreichen, sollte aber dennoch kleine advokatorische Anteile enthalten, da auch die politische Debatte von Seiten der Komplementären Methoden Anreize benötigt. Diese müssen aber auf einem sachlichen, integren und akademischen Niveau passieren. 

Mitarbeit der Marktforschung

Neben den eher akademischen und forschungsbasierten Anliegen sollte ebenso ein Anteil der Arbeit auf die Marktforschung entfallen. Bisher gibt es wenige Herangehensweisen, um Angebotsumfang und Angebotsrahmen der Komplementären Methoden auszuloten. Wie stellt sich die Ausbildungssituation in den jeweiligen Methoden dar? Welcher Stand wird im Normalfall erreicht? Welche Verdienstmöglichkeiten bestehen im Anschluss? Wie sieht die typische Methodikerin/der typische Methodiker in den verschiedenen Bereichen aus? Aber auch: Wie sieht der typische Kunde aus? Wie erreichen ihn die Angebote und Informationen? Neben den oben beschriebenen Gemeinsamkeiten, müssen hier auch die Unterschiede erkannt und benannt, im Endeffekt das Alleinstellungsmerkmal jeder Methode herausgearbeitet werden. 

Nach diesen Vorarbeiten kann am Ende die Formulierung gemeinsamer Anliegen stehen hinsichtlich Gesundheitsförderung, Selbstregulierung, Integration vs. Integrierung, Schnittstellen und Übergänge zur Schulmedizin. 

Mögliche Ziele und Aufgaben eines Think Tanks 

Der folgende Abschnitt enthält ein erstes Konzept möglicher Aufgaben für einen zu schaffenden Think Tank. Dabei soll unterschieden werden zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen. 

Kurzfristige Aufgaben und Ziele: 

• Einer der ersten Schritte ist die sorgfältige Recherche vorhandener Literatur. Zu den Methoden und ihrer Wirksamkeit selbst sowie durchgeführter Studien. 

• Wesentliche Datenbanken (und weitere Quellen) zur Recherche müssen identifiziert und dokumentiert werden. Im weiteren Sinne gehört dazu ebenfalls eine Social- Media- und Netzwerkanalyse. 

• Die Recherche darf sich nicht nur auf deutsche Literatur beschränken, sondern muss international sein. 

• Manche Literatur wird vergriffen sein oder Studien sind nicht (richtig) veröffentlicht. Die Beschaffung dieser Literatur und ihre Digitalisierung ist ein folgerichtiger Schritt. 

• Im Folgenden sollte die gefundene Literatur hinsichtlich ihrer Wissenschaftlichkeit eingeordnet werden. 

• Des Weiteren kann eine Zusammenstellung einer wissenschaftlichen Basisliteratur für jede Methode ein mögliches Ziel sein sowie die Identifikation bzw. Planung methodenübergreifender Literatur. 

Kurz- bis mittelfristige Aufgaben und Ziele:

• Definition des Begriffs „Komplementäre Methoden“. 

• Der Think Tank sollte die Entwicklung, Implementierung und Anwendung von Forschungsmethoden und Informationssystemen unterstützen, um herauszufinden, welche Methoden überhaupt geeignet sind, neben der Wirksamkeit auch die Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementären Methoden aufzuzeigen und multikausale Ursache-Wirkungs- Zusammenhänge beschreiben. 

• Er sollte beratend Forschungsvorhaben der Verbände und Studierender unterstützen und bisherige Erfahrungen bündeln, besonders: – Die Grundlagenforschung zu den Prinzipien und der Phänomenologie der Komplementären Methoden. – Die Entwicklung von statistischen und anderen Indikatoren für das Gesundheitssystem, die das Konzept der Evidenz im Sinne einer individualisierten und personalisierten Gesundheitsversorgung erweitern und die Wirkweise und Nachhaltigkeit der Komplementären Methoden dokumentieren. 

• Die erfolgte Recherche kann die Basis für Hilfestellung bei Forschungsvorhaben oder Publikationen von Verbänden und Studierenden sein. Der Think Tank unterstützt somit die Akademisierung der Komplementären Methoden und die bestehenden Studiengänge und deren wissenschaftlichen Output. (Dabei geht es nicht um die Akademisierung der Ausbildung, sondern darum, dass die Methoden auf Augenhöhe mit allen anderen Markteilnehmern ihren Platz in der Gesundheitswirtschaft selbst definieren!) 

• Es muss hierfür aber auch eine Identifikation geeigneter wissenschaftlicher Zeitschriften für Veröffentlichungen vorgenommen werden. Publikationen müssen zwingend peer-review Verfahren durchlaufen können. 

• Eigene Publikationen müssen angestrebt werden. 

• Zusammenführung einer evidence-based und cognition-based Herangehensweise. 

• Entwicklung von Qualitätsstandards in der Behandlung bzw. Beratung sowie für die Aus- und Weiterbildung. 

• Entwicklung von spezifischen Indikatoren für das Gesundheitssystem. 

Langfristige Aufgaben und Ziele:

• Nach entsprechender Sammlung von Wissen und Erfahrungswerten ist der logische Schritt die Herausgabe einer peer-review Zeitschrift in Kooperation mit einem namhaften Verlag als Partner. 

• Geeignete Drittmittelgeber für unabhängige Forschungsprojekte sollen so früh wie möglich gesucht werden. 

• Daraus folgend ergibt sich die Aufgabe, Anträge für Forschungsvorhaben zu verfassen bzw. Institute und Verbände bei Forschungsvorhaben entsprechend zu unterstützen. 

• Eins der wichtigsten Ziele ist die Schaffung eines gemeinsamen Dachverbands. 

Ausblick 

Es muss eine Diskussion zwischen den Methoden über die Zusammensetzung und die Aufgaben eines Think Tanks geführt werden. Nicht nur zwischen den sich akademisierenden Methoden, sondern allen, damit eine breite Basis entstehen kann für maximale Synergien und größtmöglichen Austausch. Natürlich wird diese breite Basis dafür sorgen, dass ein gemeinschaftlicher Konsens nicht auf schnellem Wege und sicherlich auch nicht über Nacht erarbeitet wird. Dieser Konsens beziehungsweise sein Ergebnis wird ebenfalls nicht sofort unveränderliche Allgemeingültigkeit haben, sondern bedarf einer stetigen Weiterentwicklung, Profilschärfung und Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten und (politischen) Entwicklungen. Dieser Kommentar soll deshalb als erster Beitrag zur Diskussion verstanden werden.

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Über die Autorinnen

Dr. Christine Stolla

Dr. Christine Stolla hat Soziologie und Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studiert. Daraufhin arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Nun ist sie als freiberufliche Dozentin am Institut für komplementäre Methoden der Steinbeis-Hochschule Berlin SHB tätig.

Kontakt:

Dr. Christine Stolla
Lenaustr. 8
68167 Mannheim
stolla@ikm-studium.de

Martina Wandel, B. Sc.

Martina Wandel ist Physiotherapeutin, spezialisiert auf die Methode der Reflektorischen Atemtherapie und seit 2002 in eigener Praxis in Berlin/Neukölln tätig. 2015 hat sie den Abschluss als gesundheitsfördernde Kinesiologin an der Internationalen Kinesiologie Akademie GmbH in Frankfurt/Bergen bei Ingeborg L. Weber erworben und 2018 den Studiengang Komplementäre Methoden mit der Vertiefungsrichtung Kinesiologie mit dem Bachelor of Science abgeschlossen. 

Kontakt: 

martina.wandel@kinesiologie-ifka.de