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Wir können werden, wer wir sind
Autor: Isabell Funk
Wie Biografiearbeit uns auch im täglichen Leben unterstützen kann

Wenn wir lernen, uns selbst zu akzeptieren, uns auch schwierigen Situationen aus der Vergangenheit stellen und uns selbst bewusst zu werden, können wir oftmals besser „nach vorne“ sehen. Die Biografiearbeit unterstützt uns in wesentlichen Prozessen unserer Persönlichkeitsentwicklung, kann uns aber gleichzeitig auch helfen, andere zu verstehen und gefestigter unser Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Sich mit der eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen, um sich selbst zu erkennen. Sich und die eigenen Verhaltensweisen und Lebensmuster verstehen. Klarheit erhalten, wer und wie man ist und ob das gut so ist – oder obman vielleicht doch gerne anderswäre. Orientierung suchen, Ziele formulieren und Pläne entwerfen, Chancen entdecken, Wünsche und Träume leben. Konflikte und Krisen meistern. Lebenssinn finden. Lebensmut entfalten. Das alles sind Ziele und Intentionen der Biografiearbeit. Wenn wir unsere Vergangenheit aufarbeiten, um unsere gegenwärtige Situation besser zu erfassen und alles, was wir erlebt und erfahren haben, anzunehmen, können wir die Zukunft aktiv gestalten – Schritt für Schritt.

Eine wertfreie, annehmende Rückschau, ressourcen- und lösungsorientiert, als Grundlage für Selbstmanagement, Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzförderung in allen Lebenslagen. Als Quelle einer Zukunftsgestaltung nach unserem Geschmack, denn bereits Søren Kierkegaard, der dänische Schriftsteller, Theologe und Philosoph wusste, dass man das Leben rückwärts verstehen kann, es aber vorwärts leben muss.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den gemachten Erfahrungen erfordert zwar oftmals viel Mut, Offenheit und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, aber die Biografiearbeit lässt genügend Freiheit, selbst zu entscheiden, wie weit und tiefman gehenmöchte und kann. Denn es geht nicht nur darum, im Leid und Unangenehmen zu wühlen, sondern eben auch darum, auf die guten, positiven, schönen und angenehmen Dinge, Erlebnisse und Situationen des Lebens zu schauen. Alles, was wir bis zumheutigen Tag erlebt und erfahren, gemeistert und verpatzt, genossen und verabscheut, geliebt und gehasst haben, macht uns zu dem Menschen, der wir jetzt gerade hier und heute sind. Und wenn wir uns annehmen, so wie wir sind – sowohl mit unseren hellen, als auch mit unseren dunklen Seiten – dann können wir wachsen, authentisch sein und zufriedener leben.

Gerade in der momentanen Zeit, wo das Leben immer schwieriger scheint, kann die Biografiearbeit Richtung weisen und Halt geben. Denn im Rahmen der anthroposophischen Biografiearbeit teilt man den Lebenslauf des Menschen in Jahrsiebte ein. Ich erinnere mich an einen Spruch meiner Uroma, die mir als Kind immer wieder versicherte, dass ich mich nicht grämen sollte, wenn etwas schiefging, denn das Leben wandle sich ständig nach gewissen Regeln „und spätestens in sieben Jahren ist sowieso alles anders als zuvor“. Damals konnte ich natürlich wenigmit der Aussage anfangen, aber heute weiß ich, dass sie ganz intuitiv erfasst hatte, dass bei aller Individualität, die jedem Lebenslauf zugrunde liegt, doch gewisse Rhythmen und Gesetzmäßigkeiten wirken, die bei jedem ähnlich sind und die eine Grundlage unserer Entwicklung bilden können.

Ein Umbruch alle sieben Jahre

Der anthroposophische Ansatz der Biografiearbeit teilt also die Lebensbahn in drei große Abschnitte ein, die jeweils 21 Jahre dauern: die körperliche, seelische und geistige Entwicklung. Diese Entwicklungsphasen werden dann nochmals unterteilt, sodass sich pro Entwicklungsstufe drei Jahrsiebte ergeben. Jeder dieser Teilabschnitte hat seine spezielle Bedeutung im Gesamtgefüge. Wenn wir sie begreifen, dann ermöglicht uns das, uns selbst, aber auch andere, besser zu verstehen. Wer um die Themen und Herausforderungen der einzelnen Jahrsiebte weiß, kann auch verständnisvollermit sich und den Menschen umgehen. Wenn ich zum Beispiel begreife, dass mein Lebenspartner oder meine Kinder, die Nachbarin oder der Arbeitskollege gerade in einer biografischen Umbruchsituation stecken, kann ich deren Reaktionen besser deuten und ihremVerhalten verständnisvoller und toleranter entgegentreten. Und wenn ich erkenne, dass ich gerade vor einer Herausforderung stehe, die eine bestimmte Phase mit sich bringt, kann ich mitfühlender und geduldiger mit mir selbst sein. Insofern fördert die Biografiearbeit die Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zur Selbstregulation, die grundlegend sind für unsere körperliche, seelische und geistige Gesundheit.

Neben der Anthroposophie beschäftigen sich auch weitere wissenschaftliche Zweige mit biografischen Gesichtspunkten: die Sozialund Erziehungswissenschaften, Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse, Entwicklungspsychologie, Gerontopsychologie, Geschichtswissenshaften und vieles mehr. Eigentlich machen wir auch im Alltag, in jedem Gespräch, in dem wir etwas Persönliches erfahren, Biografiearbeit.

Die Identität festigen und das Ich stärken

Der strukturierte Lebensrückblick in der Beratungspraxis geht natürlich tiefer und beschäftigt sichmit grundlegenden Lebensfragen,wie zum Beispiel: Wer bin ich? Was macht mich aus? Was ist besonders an mir? Was sind meine Ressourcen und Kompetenzen? Was habe ich schon alles geschafft im Leben? Wo gibt es Dinge oder Situationen, die mir immer wieder begegnen? Es geht darumüber das Neuentdecken von Vergangenem und auch das Vergegenwärtigen von Vergessenem, Potenziale zu entdecken. Schmerzhaftes beklagen und Nicht-Geschafftes bedauern, Abschied nehmen, abschließen, sich aussöhnen, um Neues zu planen, zu entwerfen oder Alt-Bewährtes wiederzubeleben. Biografiearbeit will die eigene Identität festigen und das Ich stärken. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man nach den anthroposophischen Gesetzmäßigkeiten und den Siebenjahresschritten vorgeht oder ob man über andere Erinnerungsmethoden und -tools den „roten Faden“ im eigenen Leben sucht. Ein solcher Lebensrückblick kann in Einzeltherapie, aber auch in der Gruppe gestaltet werden. Wichtig ist nur, dass die Arbeit freiwillig, vertraulich und wertschätzend vonstattengeht. Der Klient einer Beratung oder der Teilnehmer eines Seminares bestimmt selbst die Tiefe und Intensität. Neben dem reinen biografischen Gespräch kommen auch künstlerische und gestaltende Aufgaben zum Einsatz, um das Erinnern zu intensivieren. Einen sehr wichtigen Aspekt bilden auch Fragen zum Lebenslauf allgemein und zu den Jahrsiebten und deren Themen speziell, denn „man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebtman vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“ (Rainer Maria Rilke) Oft braucht es nämlich nicht eine direkte Antwort oder Lösung, sondern viel mehr ein Sich-Beschäftigen und dann Abwarten, was kommt, und Vertrauen ins Leben.

Eine verlässliche Methode

Biografiearbeit kommt also vor allem zum Tragen in Krisensituationen oder an Wende- oder Umbruchpunkten im Leben, wo wir nach Antworten, Lösungen und generell nach „Sinnhaftigkeit“ suchen. Mit Kindern und Jugendlichen wird Biografiearbeit imKontext einer Pflegschaft oder Adoption beziehungsweise in der Heimerziehung eingesetzt, denn es geht eben immer noch um die elementaren Fragen: Wer, wo, was, wie, wieso, weshalb, warum (…) bin ich? Meines Erachtens wäre diese Arbeit aber eine Bereicherung an allen Schulen oder Kindergärten. Für die Kinder zum spielerischen Austausch über und zum Verständnis von Gefühlen, Vorstellungen, Ängsten und Empfindungen. Für die Erzieher, Lehrer und Eltern, um ein Gespür für die Situationen der Schüler beziehungsweise Kinder zu erlangen und über die Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten empathisch zu handeln.

Da über die Arbeit an der eigenen Biografie auch manche Beweggründe für das Verhalten Anderer besser erfasst werden können, ist sie eine verlässliche Methode, um in Paarbeziehungen, ebenso im Freundeskreis oder dem beruflichen Kontext imTeam, Chancen und Potenziale zu erfassen und die Beziehungen lebendig zu halten, zu stärken oder neu zu entdecken und ergründen. In der Arbeitmit Demenzkranken bildet die Biografiearbeit ebenfalls einen wichtigen Pfeiler: Sowohl für die Betroffenen, um die eigene verlorene Identität zu stärken, als auch für die Angehörigen und die in der Pflege Tätigen, um Verständnis für die Erkrankten zu entwickeln, mit Verhaltensweisen besser umzugehen und Situationen richtig zu deuten.Wichtig ist hierbei aber auch, dass man versucht herauszufinden, wie der Mensch sein Leben selbst sieht und empfindet.

Fazit

So zeigt sich, dass Biografiearbeit eine Allzweckwaffe ist. Sie stellt zwar keine Psychotherapie dar, kann aber im therapeutischen Zusammenhang Anwendung finden – oder eben rein aus präventiven Motiven zum Einsatz kommen. Sie stärkt unser Kohärenz-Gefühl, also die Fähigkeit im eigenen Leben Sinn und Wert zu entdecken, und unsere psychischen und psychosozialen Ressourcen. Sie hilft, dass wir uns besser verstehen, Anforderungen einträglicher bewältigen können, gesund werden oder bleiben und kontinuierlich mehr ein „Original“ werden, anstatt als „schlechte Kopie“ durchs Leben zu trudeln und dadurch unaufhörlich auf der Stelle zu treten. Sie hilft, dass wir fortwährend an uns und unserer Entwicklung arbeiten und jede Lebensstufe als Geschenk ergreifen – selbst wenn krisenhafte Dinge passieren. So wie es Hermann Hesse in seinem wunderbaren philosophischen Gedicht „Stufen“ beschreibt. Jeder trägt einen Rucksack ab der Geburt und füllt ihn mit Geschichten, Problemen, Gedanken, Gefühlen, Erlebnissen, schlechten und guten Situationen. Biografiearbeit hilft, ihn aus-, neu- und umzupacken, Schlechtes und Unbrauchbares loszulassen, Gutes und Wertvolles festzuhalten und den Rucksack so zu gestalten, wie es uns selbst entspricht. Unser Leben hat einen Anfang und ein Ende und dazwischen hat alles seine Daseinsberechtigung und „ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Diesen Satz finden wir schon imAlten Testament der Bibel und „The Byrds“ hatten mit „Turn Turn Turn“ in den 1960er Jahren genau dieses Thema besungen: Für alles gibt es eine Zeit im Leben und wenn wir das verstehen und erkennen, dann eröffnet sich uns auch die Chance zum „Daran-drehen“. Dann begreifen wir, dass manches Negative nötig war und ist, aber das wir täglich auf’s Neue die Bahnen für Veränderung zum Positiven ebnen können. Es ist „not too late – turn, turn, turn…“ – es ist nicht und nie zu spät anzufangen, die Dinge zu wenden und unser eigenes Leben zu leben im Rahmen unserer eigenen Möglichkeiten. Biografiearbeit kann uns dabei unterstützen.

Am Ende deiner Reise wirst du nicht gefragt: „Bist du ein Heiliger geworden oder hast du für das Heil der Menschen gekämpft?“ Die einzige Frage, die du beantworten musst, ist die Frage: „Bist du du selbst geworden?“ (Laotse)


Zur Autorin Isabell Funk

Die Heilpraktikerin, Physiotherapeutin und Biografiearbeiterin hat seit 2011 eine eigene Naturheil- und Beratungspraxis in Rödersheim-Gronau. Ihre Therapie- Schwerpunkte bilden u. a. Körpertherapie, Akupunktur und ganzheitliche Beratung, Hypnose, sowie v. a. ihr Herzensthema: die Biografiearbeit. Funk ist Referentin für Biografiearbeit an der IKA Internationalen Kinesiologie Akademie in Frankfurt. Außerdem ist sie zertifizierte Referentin für Biografiearbeit nach Lebensmutig e. V.

Kontakt: Praxis für Naturheilkunde, ganzheitliche Beratung und Biografiearbeit, Hoher Weg 11, 67127 Rödersheim-Gronau, www.naturheilpraxis-funk.de