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Kinesiologie in der Pflegeeinrichtung
Autor: Jutta Binder, B.Sc.

Autorin: Jutta Binder, B.Sc.

Ehrenamtliches Engagement in Form eines kinesiologischen Gruppenangebotes für Menschen mit mehrfachen Einschränkungen – Rückschau und positive Bilanz

Noch Ende des letzten Jahrhunderts wurde die Kinesiologie häufig esoterischen Praktiken zugeordnet. Betrachtet man sich jedoch die fundierte dreijährige Ausbildung zum Kinesiologen (IKA), die Zertifikatslehrgänge (SHB) oder den Bachelor-Studiengang Komplementäre Methoden (SHB) erkennt man schnell, wo sie sich tatsächlich positioniert. Ein erfolgreiches Pilotprojekt konnte mit der Integration der Methode Kinesiologie als Gruppenangebot innerhalb einer Pflegeeinrichtung für jüngere Menschen mit mehrfachen Einschränkungen realisiert werden. Dazu bedurfte es Mut, um neue Wege zu beschreiten.

„Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken.“ (Dante Alighieri)

Die Präsentation meiner kinesiologischen Tätigkeit in der Naturheilpraxis auf einem Gesundheitstag stellte den Kontakt zur Pflegeeinrichtung Schloss Meerholz her (Träger ist der Evangelische Verein für Innere Mission Frankfurt am Main) [1]. Entscheidend für das Interesse an der Kinesiologie seitens der Pflegeeinrichtung war in diesem Kontext, dass die Methode längst mit wissenschaftlichen Studien positiv bestätigt wird und erfolgreich in vielfältigen therapeutischen Einrichtungen, der Gerontologie sowie in naturheilkundlichen und medizinischen Praxen zum Einsatz kommt. Die Pflegeeinrichtung SchlossMeerholzwird u. a. einmal jährlich durch die Beauftragten des Qualitätsmanagements des Evangelischen Vereins für Innere Mission geprüft und ist mit einem Qualitätssiegel zertifiziert. Die Umsetzung einer neuen Methode muss diesen Anforderungen standhalten. Dies gilt auch für das Ehrenamt. Ich wurde zur Präsentation eingeladen. Ergänzend zur theoretischen Ausarbeitung entwarf ich ein praktisches Übungskonzept für Menschen mit mehrfachen Einschränkungen. Basierend auf den Richtungen Touch for Health, Brain-Gym und dem 3DKonzept stellte ich ein Programm zur Anregung der körperlichen, geistigen und seelischen Ebene der Heimbewohner vor. Die Grundlage hierzu findet sich in der Triade der Gesundheit gemäß der WHO (Abb. 1). Schließlich entstand in der Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Einrichtung eine ehrenamtliche Besuchspatenschaft.

Teilnehmer

Das Angebot richtete sich an jüngere Menschen mit mehrfachen Einschränkungen. Hier waren besonders die Ergotherapeutin und die soziale Betreuung gefordert, aufgrund ihrer täglichen Arbeit eine Auswahl zu treffen. Es galt Menschen zu motivieren, welche Freude und Interesse für Neues zeigten, aktiv an Übungen teilnehmen konnten, sich in eine Gruppe integrieren ließen und miteinander harmonierten.

Leitgedanken

Die Grundlage für das Konzept bildete die Übertragung des Salutogenese-Modells von Aaron Antonovsky. Er prägte den Begriff der Kohärenz. Für denWeg aus der Krankheit zur Gesundheit gelten demnach drei Komponenten: Machbarkeit (körperliche Ebene), Verstehbarkeit (geistige Ebene) und Sinnhaftigkeit (seelische Ebene). [2] Auch im nicht-therapeutischen Kontext war es wichtig, diese Aspekte umzusetzen, um die Teilnehmer gut zu begleiten. Das setzte voraus, ressourcenorientiert zu handeln und möglichst individuell auf den einzelnen Menschen einzugehen. Um dies zu realisieren, wurden im Vorfeld Poster zur Veranschaulichung der 14-Muskel-Balance, der neuolymphatischen Reflexpunkte und der Brain- Gym-Übungen entworfen. Ergänzend dazu laminierte Kartensets für die einzelnen Organe der 14-Muskel-Balance und ihren Metaphern- Zyklus (Abb. 2) sowie Bachblüten- Kartenmit leicht verständlichen Affirmationen (Abb. 3) und je nach Thematik weitere Materialien.

Umsetzung

Nach einer Begrüßungsrundemit einemeinstimmenden Text oder Gedicht aktivierten wir die Einschaltpunkte der drei Dimensionen und führten die Augen-Achten sowie Überkreuz-Bewegungen durch. Abschließend unterstützten wir durch sanftes Klopfen unsere Thymusdrüse. Sie reguliert und harmonisiert die Lebenskraft und wird als Bindeglied des Geistes und des Körpers bezeichnet. [3]

Das Lymphsystem und der Lymphfluss zu den Muskeln und Organen wurden durch sanftes Reiben der neuro-lymphatischen Reflexpunkte nach Dr. Chapman gestärkt. [4] Nach einer kleinen Pause ging es mit der 14-Muskel-Balance weiter. Neben der gezielten Stärkung und Aktivierung einzelner Muskeln, bewirkt sie die Förderung eines körperlichen, mentalen und emotionalen Gleichgewichts. [6] Für die Arbeit mit Metaphern der Organfunktionen nutzten wir die Organ-Karten, welche jeder Teilnehmer ziehen durfte. Im Anschluss setzten wir die Brain-Gym-Karten ein. Jeder nahm davon mehrere; und wer mochte, stellte seine Übungen vor, um diese gemeinsam durchzuführen. Grundlage dieser Übungen sind wissenschaftliche Erkenntnisse, „dass die Fähigkeit des Menschen, neue Informationen zu verarbeiten und sich an alte zu erinnern, mit biologischen Veränderungen im Gehirn verbessert wird, die durch körperliche Betätigung ausgelöst werden.“ [6] Zur Mobilisierung eingeschränkter Körperteile nutzten wir auch die Kenntnisse über Spiegelneuronen. Abschließend gab es eine Ruhephase mit Elementen der Emotionalen Stress Reduktion und dem intuitivem Ziehen einer Bachblüten- Karte. Auch hier galt:

Jeder darf, keiner muss.

Die Bachblüten-Karten konnten als Impuls verstanden werden.1

Ergebnisse

Die Teilnahme in der ersten Zeit war wechselhaft. Es entstand schließlich eine Gruppe von 6-7 Bewohnern, die mit Freude an dem Angebot teilnahmen. Zunächst fand eine Assistenz seitens der Ergotherapeutin statt. Dies war notwendig, um ein Gespür für die Abläufe zu entwickeln. Es galt Vertrauen aufzubauen, einen geschützten und sicheren (Sturzprävention) Raum zu schaffen und die Ressourcen und Einschränkungen sowie Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmer kennenzulernen. Das alles brauchte Zeit. Während der gesamten Zeit geschahen immer wieder kleineWunder, und es entwickelten sich ganz individuelle, persönliche Geschichten.

Anfangs klafften Theorie und Praxis weit auseinander.

So war es zu Beginn aufgrund der kognitiven und körperlichen Einschränkungen gar nicht möglich, eine 14-Muskel-Balance durchzuführen. Zunächst konnte das Konzept also nur stark eingeschränkt innerhalb der vorgegebenen Stunde umgesetzt werden. Ich separierte die Übungen nach Gruppen, die Armbewegungen und die Beinbewegungen jeweils als Einheit. Jeder Teilnehmer wurde individuell unterstützt. Mithilfe der Kenntnisse über Spiegelneuronen konnte ich eingeschränkte Körperregionen, nach ausdrücklicher Erlaubnis der Teilnehmer, passiv führen. Nach mehreren Wochen wurde es möglich, die Übungen in ihrer eigentlichen Reihenfolge zu integrieren, und sie wurden auch flüssiger. Es stellte sich eine Verbesserung der Aufnahmefähigkeit und der Beweglichkeit ein. Zusätzlich durfte jeder Teilnehmer eine Organkarte intuitiv ziehen. Auch hier konnte ich Interessantes beobachten.

Beispiel 1: Eine Teilnehmerin mit seit längerer Zeit bestehenden Blasenproblemen, weswegen die Frau aktuell in Behandlung war, zog vor Durchführung der 14-Muskel- Balance intuitiv die Karte „Ich bin zuversichtlich – Organbezug: Blase.“ Die Balance erfolgte im Kontext dieser Karte.

Beispiel 2: Eine Teilnehmerin, die wegen ihres Herzens behandelt wurde, zog ebenfalls vor Durchführung der 14-Muskel-Balance intuitiv eine Karte mit einem direkten Organbezug, nämlich „Selbstvertrauen – Organbezug: Herz.“ Solche Parallelen kamen häufig vor. Da es hier nicht um therapeutische Interventionen ging, nahm ich lediglich Notiz davon, mehr nicht. Positiv verlief auch die Integration der Brain-Gym-Übungen. Anfangs war es nur möglich, wenige Übungen durchzuführen. Auch die mobileren Teilnehmer blieben zunächst grundsätzlich auf ihren Stühlen sitzen und waren schwer zu motivieren. Im Laufe der Zeit änderte sich das grundlegend. Aus der Passivität wurde Aktivität. Selbstständig stellten einige der Teilnehmer ihre Übungen der gezogenen Brain-Gym-Karten vor. Die beobachteten Phänomene waren ähnlich der oben beschriebenen.

Beispiel 3: Ein Teilnehmer mit starken einseitigen Einschränkungen (v. a. ein Arm) zog viele Male während dieser Zeit die Brain- Gym-Karte „Simultanzeichnen“. Das Simultanzeichnen ist eine Mittellinienübung, welche erfolgreich bei Menschen nach einem Schlaganfall eingesetzt werden kann.

Beispiel 4: Eine Teilnehmerin mit schweren Beinen zog wiederholt die Brain-Gym-Karten „Fußpumpe“ und „Wadenpumpe“. Beide Längungsübungen haben in diesem Bereich einen positiven Effekt. Mit den Bachblüten-Karten war es ähnlich. Auch hier konnte jeder Teilnehmer für sich einen Bezug zur Affirmation der Blüte herstellen. Beispiel 5: Eine Teilnehmerin zog über mehrere Wochen die Bachblüten-Karte „Water Violet – ICH begegne meinen Mitmenschen mit liebevoller Offenheit.“ Sie berichtete mir von einemKonfliktmit einemanderen Heimbewohner. Nach ein paar Wochen war es vorbei und sie zog dann eine andere Blüte.

Im Laufe der Zeit prägten sich bei den Teilnehmern auch die Abläufe ein. Manche von ihnen begannen eigenständig nach der Begrüßungsrundemit den 3D-Punkten und der Thymusaktivierung oder stellten vereinzelt Fragen, z. B. nach dem Gleichgewichtssinn. Wichtig war es dann, dies möglichst anschaulich zu erklären (Abb. 4).

Neben der gestiegenen Aktivität war auch die anhaltende Konzentration über die gesamte Übungsstunde hinweg auffällig. Diese Rückmeldung erfolgte auch seitens der Betreuerin; sie bestätigte, dass diese Konzentration nicht selbstverständlich war.

Gerade Außenstehende konnten diesen Prozess als Beobachter besonders gutwahrnehmen. „Als ich bei einer Ihrer Betreuungsmaßnahmen hospitieren durfte, war ich erfreut über die aktive Teilnahme der mehrfachbehinderten, jüngeren Bewohnerinnen und Bewohner. Sie hatten in der Gruppe schon viel von den Grundsätzen der Kinesiologie gelernt und setzten dies trotz ihrer Einschränkungen mit Begeisterung und Stolz um. So wurde ich als „Neuling“ von einer der Bewohnerinnen bei den Übungen kameradschaftlich und souverän korrigiert. Es war faszinierend zu erleben, wie viel Fachwissen sich die Bewohner in einem Zeitraum von ca. 9 Monaten angeeignet hatten und welchen Spaß sie bei dem Gruppentreffen hatten.“ (Christa M. Richard, Geschäftsführung Schloss Meerholz)

Das Treffen fand einmal wöchentlich statt, ansonsten wurden die Übungen nicht wiederholt. Es handelte sich nicht um eine therapeutische Maßnahme, sondern ausdrücklich um ein freiwilliges soziales Angebot. Meine Beobachtungen sind der Tatsache geschuldet, dass ich stets einen achtsamen Umgang mit den Teilnehmern pflegte und die Gesundheit und das Wohlbefinden jedes Einzelnen oberste Priorität hatte.

Literaturhinweis

[1] www.schloss-meerholz.de

[2] Schiffer, Eckhard: Wie Gesundheit entsteht: Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Beltz-Verlag, 2013.

[3] Diamond, John: Die heilende Kraft der Emotionen. VAK-Verlag, 1985.

[4] Thie, John F.: Gesund durch Berühren – Touch for Health. Irisiana-Verlag, 2006.

[5] Thie, John F.; Thie, Matthew: Touch for Health in Aktion. VAK-Verlag, 2005.

[6] Dennison Paul E.; Dennison Gail E.: Brain-Gym – das Handbuch. VAK-Verlag 2013.

[7] Bach, Edward: Dr. Edward Bach – Gesammelte Werke – Von der Homöopathie zur Bach-Blütentherapie. Aquamarin- Verlag, 1992.

Weitere Informationen über die Autorin.

 1 Das Lebenswerk von Dr. Edward Bach (1886-1936) war geprägt von Einfachheit, sein Vorbild war die Natur. Er besaß eine intuitive Begabung und ein inneres Wissen und erkannte die Zusammenhänge zwischen Krankheit und blockierten Emotionen. Für ihn bedeutete Heilung eine Steigerung der Harmonie zwischen dem größeren Selbst im Inneren und dem Körper im Äußeren. [7]


Zur Autorin Jutta Binder

B.Sc. Komplementärtherapie/Kinesiologie; Heilpraktikerin. Niedergelassen in eigener Praxis. Bachelorstudiengang an der Steinbeis-Hochschule Berlin. Im Rahmen des Studiums Ausbildung an der Internationalen Kinesiologie Akademie Frankfurt am Main (IKA). Therapeutische Schwerpunkte in der Praxis sind die lebensberatende und naturheilkundliche Kinesiologie. Beschäftigung mit verschiedenen Aspekten des energetischen Heilens. Repräsentantin des Europäischen Verbandes für Kinesiologie (EVfK), für die Bereiche Main-Kinzig-Kreis und Fulda.

Kontakt: Am Bruchweg 12, D-63571 Gelnhausen, www.binder-naturheilpraxis.de