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Lernen ein Leben lang?
Autor: Ingeborg L. Weber

Autorin: Ingeborg L. Weber

Fit bleiben beim Älterwerden

Der Volksmund weiß: „Sich regen bringt Segen“. Auch die Gerontologie (Lehre vom Altern) belegt durch viele Studien, dass die Faktoren Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Kontakte, lebenslanges Lernen und positive Einstellung ein gesundes Altern ermöglichen. Eine Studie der Universität Heidelberg mit Menschen im dritten und vierten Lebensalter (60 bis 80 Jahre und darüber bis 93 Jahre) zeigt allgemein positive Effekte auf und dass die fluide Anpassungsfähigkeit) und kristalline (im Laufe des Lebens erworbene Fähigkeit) Intelligenz statistisch signifikant gesteigert werden konnte.

In diesem Artikel werden gezielte kinesiologische BrainGym-Übungen vorgestellt, die in der Studie zur Anwendung kamen. Sie wurden aus einem umfangreichen Programm ausgesucht, da sie exemplarisch für die anderen Übungen die neuronalen Verknüpfungen in der Dreidimensionalität des Gehirns anregen. Mit der Diffusions-Spektrum-Magnet- Resonanz-Tomografie konnten Forscher der Harvard Medical School 2012 den Schaltplan des Gehirns inzwischen bildlich darstellen. Die Nervenverbindungen sind erstaunlich geometrisch geordnet. Die vorgegebenen drei Richtungen erleichtern die richtigen Bindungsstellen zu finden. Die Entdeckung und Darstellung dieses dreidimensionalen Musters führt zu einem völlig neuen Verständnis über die Organisation des Gehirns.

Die Rechts-Links-Dimension des Gehirns – Lateralität

Die linke Hemisphäre des Gehirns steuert die rechte Körperseitemit all ihren Aktivitäten. Spiegelbildlich steuert die rechte Hemisphäre die linke Körperseite mit all ihren Aktivitäten.

Die beiden Hemisphären verarbeiten Informationen unterschiedlich. Bildlich gesprochen, ist die linkeHemisphäre der „Professor“ und die rechte Hemisphäre der „Künstler“. Die linke Hemisphäre denkt analytisch (Zerlegung von Vorstellungen), linear (ein Gedanke nach dem anderen), logisch (folgerichtig, schlüssig), verbal (gesprochen wie geschrieben), mathematisch (Strich- und Punktrechnungen), abstrakt, technisch, wissenschaftlich, zeitlich, zielorientiert. Die rechte Hemisphäre denkt synthetisch (Zusammenfassen von Vorstellungen), holistisch (ganzheitlich), schöpferisch (kreativ, fantasiereich), geometrisch (räumliches, bildliches Denken), emotional, musisch, künstlerisch, zeitlos, planlos. Beide Hemisphären werden durch das Corpus callosum (Balken, Kommissurenfasern) miteinander verbunden. Diese Nervenbahnen der weißen Substanz des Gehirns reagieren sehr sensibel auf Stress, so dass die Leitfähigkeit dann unterbrochen wird. Die Folge ist die „Black Box“ Blackout? oder das „Brett vor dem Kopf“.

Der Alltag fordert aber ständig – je nach Aufgabenstellung – mal die rechte oder die linke Hemisphäre, also ein Gehirn in voller Funktion. Dies fördert die Kommunikation mit sich und anderen Menschen. In der Regel werden dann auch die Informationen von beiden Augen, beiden Ohren, beiden Händen und Füßen mit dem ganzen Gehirn verarbeitet und führen so zu einem adäquaten Handeln. In der Kinesiologie wurden von Paul Dennison die Mittellinienübungen entwickelt, die das Corpus callosum bahnen.

Übung Überkreuzbewegung

Abwechselnd berührt die rechte Hand das linke angehobene Knie bzw. die linke Hand das rechte angehobene Knie imWechsel. Bei dieser kontralateralen Übung wird die Mittellinie gekreuzt.

Die Vorne-Hinten-Dimension des Gehirns – Fokussierung

Im Fronto-Temporallappen des Gehirns befinden sich die Zone der bewussten Entscheidung sowie das Kurzzeitgedächtnis (Scheitellappen) und das vorausschauende Denken (Visionen). Das visuelle Langzeitgedächtnis (Area striata) befindet sich im Hinterhauptlappen (Okzipitallappen) des Gehirns. Die Assoziationsfasern (schleifenförmige Bündel) verbinden die verschiedenen Abschnitte der Hemisphären. Sie koordinieren die gleichseitigen Hirnrindenbezirke von vorne nach hinten. Stress auf dieser Ebene macht sich in einer Kampf-Flucht-Reaktion bemerkbar – nach vorne kämpfen und nach hinten flüchten. DieMuskulatur, besonders der Beine und des Rückens, zieht sich zusammen. Hält der Stress an oder sind die Zeiten der Entspannung zu kurz, bleibt die Muskulatur im verkürzten hypertonen Zustand und kann unter Umständen Schmerzen verursachen. Rückenbeschwerden sind mit die häufigsten Erkrankungen.

Laufen die Informationen auf dieser Ebene optimal, kann zwischen nah und fern, Einzelheit und Überblick, dasWichtige vomUnwichtigen unterschieden werden. Paul Dennison hat für diese Dimension die Längungsübungen entwickelt, um die Muskulatur zu dehnen.

Übung Wadenpumpe

Im Stehen wird ein Bein nach hinten gestreckt auf die Zehenspitzen. Das vordere Bein wird dabei gebeugt. Das Gewicht liegt auf dem vorderen Bein. In dieser Position wird eingeatmet. Nach dieser Ausgangsposition wird dann die Ferse nach unten auf den Boden gedrückt und gleichzeitig ausgeatmet. Die Wadenmuskulatur wird gedehnt.

Die Oben-Unten-Dimension des Gehirns – Zentrierung

Der älteste Anteil des Gehirns ist das Stammhirn. Es reguliert die Atmung, das Schlucken, den Herzschlag und hat Einfluss auf den Stoffwechsel. Bildlich gesprochen, ist es das „Reptiliengehirn“ und reguliert die Grundbedürfnisse – wie auch beimSäugling – Hunger, Durst,Wärme, Revierverteidigung, Schutzbedürfnis.

Das Zwischenhirn mit dem Thalamus dient als Umschaltstation für Teile der Seh- und Hörbahn und für fast alle der Großhirnrinde zufließenden sensibel-sensorischen Erregungen aus der Innenwelt und Umwelt. Der Thalamus ist ein wichtiges Koordinationszentrum für die verschiedenen Empfindungen wie Berührung, Schmerz, Temperatur, Geschmack, Gleichgewicht sowie für Lust und Unlust. Bildlich gesprochen, ist es das „Affenhirn“. Mit zunehmender Reife – auch in der kindlichen Entwicklung – ist der Mensch fähig, Kontakt aufzunehmen und gruppenfähig zu sein.

Der Neocortex ist der stammesgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde. Hier befindet sich die motorische und sensorische Rinde, sozusagen die Landkarte des Körpers. Die sensorische Rinde empfängt von der Peripherie die Kontakte des Körpers mit der Außenwelt, wie Berührung, Druck, Schmerz, Bewegung, Temperatur. Diemotorische Rinde sendet die Signale in die Peripherie aus zur koordinierten Bewegung des Körpers und der Extremitäten.

Die Projektionsfasern (Corona radiata) – ähnlich einem Ginkgoblatt – sind auf- und absteigende Nervenfasern, die den Hirnstamm über das Zwischenhirn mit dem Neocortex (Großhirnrinde) verbinden. Damit hat der Neocortex den Willen und die Steuerung über das „Affenhirn“ (gehe ich Kontakte ein oder distanziere ich mich.) und über das „Reptiliengehirn“ (gebe ich dem Reflex, dem Trieb nach oder steuere ich mein Verhalten).

Ist das Gehirn voll funktionsfähig, fördert das die Bereitschaft des vollen Einsatzes. Der Mensch agiert aus einer inneren Zentriertheit und beteiligt sich. Für diese Dimension hat Paul Dennison die Energieübungen entwickelt. Es sind Berührungen oder Massagen von Punkten auf Meridianen, die den Energiefluss aktivieren und somit die Funktionsfähigkeit des Gehirns anregen.

Übung Gehirnknöpfe oder Einschaltknöpfe Eine Hand berührt oder massiert den Bauchnabel (Zentralgefäß KG 8), die andere Hand berührt mit gespreizten Fingern die beiden Akupunkturpunkte rechts und links neben dem Brustbein (Niere 27), direkt im Grübchen unter dem Schlüsselbein und massiert dort. Dann wechseln die Hände.

Ergebnis der Heidelberger Studie

Es wurden jeweils fünf Wochen lang zweimal wöchentlich die verschiedenen Methoden mit Menschen im 3. Lebensalter durchgeführt. Kinesiologie ist die einzige Methode, die in allen 10 Tests (beim 10. Test mit kleiner Einschränkung) statistisch signifikante Verbesserungen im kognitiven Bereich erzielte. Bemerkenswert ist auch, dass die Kinesiologie das größte Interesse erzeugte. Durch die Raumgröße war eine Begrenzung der Teilnehmer nötig. Die Sprachkurse setzten sich aus fünf verschiedenen Sprachgruppen zusammen.

Eine weitere Differenzierung zeigt, dass die Kinesiologie als einzige Methode bei den Menschen im 3. Lebensalter (60 bis 80 Jahre) eine Zunahme mit einem p-Wert von 0,000 bei der fluiden und kristallinen Intelligenz zeigt. Die fluide Intelligenz ist die Anpassungsfähigkeit und die kristalline Intelligenz sind die im Laufe des Lebens erworbenen Fähigkeiten. Ein p-Wert sagt aus, dass die Ergebnisse nicht auf einen Zufall zurückzuführen sind. Je kleiner der p-Wert, desto genauer ist die statistische Signifikanz, d. h., dass das Ergebnis auf die Interventionen zurückzuführen ist.

Sehr bemerkenswert ist, dass bei den 80- bis 93-jährigen bei der fluiden Intelligenz ein p-Wert von 0,001 erreichtwurde. Das spricht für die Plastizität, Lernfähigkeit und Adaption auch noch im sehr hohen Alter, wenn sie gefördert wird.

So ist es möglich, mit der Kombination der einfachen „Gesund durch Berühren“- und „BrainGym“-Übungen, die jeder täglich zu Hause absolvieren kann, die Gesundheit und die geistige sowie körperliche Beweglichkeit positiv zu fördern.

Empfehlung: Um die schnelle Reaktionsfähigkeit zu fördern und um das entsprechende Areal im Gehirn je nach Anforderung zu aktivieren, sollten die Übungen dreimal täglich je zehnmal durchgeführt werden. Eine übergeordnete Übung, die emotionalen Stress reduziert, ist die Vorne-HintenÜbung: Vorne (Temporallappen = Zone der bewussten Entscheidung) und Hinten (Hinterkopf = Zone des visuellen Gedächtnisse) sanft berühren, den Atem fließen lassen, Augen schließen und spüren, wie eine innere Ruhe sich ausbreitet.

Zum Abschluss noch ein Hinweis. Unsere Forschungsergebnisse mit Vorschulkindern zeigen große Defizite bei den schulrelevanten Fähigkeiten auf. Ein ähnliches Programm brachte auch bei Kindern erstaunliche Verbesserungen.

1) Der Artikel erschien in leicht abgewandelter Form als Zweiteiler erstmals in WIR / Der Heilpraktiker Ausgabe Juli 2015.


Zur Autorin: Ingeborg L. Weber, MSc

MSc (Health Sciences und Child Development) und Diplom-Gerontologin. Koordinatorin für den Forschungsschwerpunkt Kinesiologie am Interuniversitären Kolleg für Gesundheit und Entwicklung Graz / Schloss Seggau. Gründung und Leitung der Internationalen Kinesiologie Akademie in Frankfurt. Seit 1993 als Heilpraktikerin in eigener Praxis tätig. Gründung und 1. Vorsitzende Europäischer Verband für Kinesiologie e.V., Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Naturheilbundes e.V. (DNB e.V.), Gründungsmitglied und Mitglied im Beirat der Association of Natural Medicine in Europe (ANME e.V.), Gründungsmitglied und Mitglied im Beirat der Freien Gesundheitsberufe, Dachverband für freie beratende und Gesundheit fördernde Berufe e.V. Kooperationspartnerin des Steinbeis-Transfer-Instituts Körperbezogene Therapien der Steinbeis-Hochschule Berlin GmbH.

Kontakt: Internationale Kinesiologie Akademie, Cunostr. 50-52, D-60388 Frankfurt-Bergen, Tel.: 06109 / 723941, Fax: 06109 / 723942, info@kinesiologie-akademie.de, www.kinesiologie-akademie.de