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Kognitive Intervention im hohen Lebensalter u.a. mit Kinesiologie (Gesund durch Berühren und Brain Gym)
Autor: Ingeborg L. Weber MSc, Dr. Dimitrios Kampanaros
Eine psychologische und bildungswissenschaftliche Analyse

In seiner Dissertation untersucht Dimitrios Kampanaros mit dieser These, welche Effekte verschiedene Bildungsangebote auf die kognitiven Leistungen älterer Menschen haben und stellt dar, welchen Einfluss die Persönlichkeit auf diese Effekte ausübt. Darüber hinaus wird aufgezeigt, wie diese Erkenntnisse bei der Planung und Durchführung von Interventionen in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden können. Im Kontext des demographischenWandels werden diese Überlegungen immer wichtiger. Auch diese Arbeit zeigt, was weltweite Studien belegen, dass der gesundheitliche Status abhängig von der Bildung ist.

Fragestellung

Das primäre Ziel der Studie war, die möglichen Effekte von 6 Interventionen und einer Kontrollgruppe (Gruppendiskussionen) auf die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter zu untersuchen. Dabei wird Bezug genommen auf das Zwei-Komponenten-Arbeitsmodell (Baltes, 1999, basierend auf Horn und Cattell, 1966) das zwischen kristalliner und fluider Intelligenz bzw. kognitiver Pragmatik und kognitiver Mechanik differenziert.

Die kristalline Intelligenz (kognitive Pragmatik) sind Verhaltensweisen und Strategien, die sich ein Individuum angeeignet hat, die in der jeweiligen Gesellschaft als intelligentes Wissen und Denken gelten. Sie bilden sich im Verlauf der Erfahrung heraus.

Die fluide Intelligenz (kognitive Mechanik) sind Verhaltensweisen, die vor allem für die Bewältigung neuartiger kognitiver Probleme eingesetzt werden, also situationsangepasstes Handeln.

Diese beiden Komponenten unterscheiden sich im Verlauf des Alterns. Die Leistungsfähigkeit der kristallinen, erfahrungsgebundenen Intelligenz bleibt über lange Zeiträume erhalten und kann sogar weiter zunehmen. Die Leistungsbereitschaft der fluiden, reaktiven Intelligenz nimmt in der Regel mit zunehmendem Altern ab. „Im Kontext des von Baltes und Baltes vorgeschlagenen SOK-Modells kann die kristalline Intelligenz als eine Ressource aufgefasst werden, deren Optimierung für die Kompensation von Rückgängen in der fluiden Intelligenz genutzt werden kann.“ (Kampanaros, S. 148)

Das sekundäre Ziel der Studie war es zu untersuchen, inwieweit sich Veränderungen in der kristallinen und fluiden Intelligenz bei der Nutzung von Bildungsangeboten auf der Grundlage von Merkmalen der Persönlichkeit vorhersagen lassen. Dieser Aspekt der Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen wurde in der bisherigen Forschung weitgehend vernachlässigt.

Zusammenfassung: Die Fokussierung dieses Artikels liegt primär auf den Ergebnissen der Intervention mit Kinesiologie. Diese unterscheiden sich besonders von den Interventionen der anderen Methoden, da hier mit zwei Altersgruppen gearbeitet wurde und somit der Vergleich innerhalb einer Gruppe möglich ist. Außerdem weist die Gruppe im dritten Lebensalter bemerkenswerte Verbesserungen in den Testergebnissen zur fluiden und kristallinen Intelligenz auf. Bei 5 von 10 ITEMS zeigte die Gruppe des 4. Lebensalters (80-93 Jahre) signifikante Steigerungen.

Durchführung der Untersuchung

Vom November 2003 bis März 2005 wurden die Interventionen in zwei Einrichtungen A und B durchgeführt. In der ersten Bildungseinrichtung A wird nach dem Prinzip der Selbstorganisation gearbeitet durch kommunale Zuschüsse. Ein Großteil der Arbeit Das Wohnstift B bietet ein breites Spektrum von Kultur- und Bildungsangeboten an, das von vielen Bewohnern regelmäßig genutzt wird.

Bei der Planung der Studie wurden als Interventionen fast ausschließlich Kurse ausgewählt, die sich bereits imAngebot der Bildungseinrichtung bzw. des Wohnstifts befanden. Lediglich Kurse zur Kinesiologie wurden zusätzlich ins Programm aufgenommen.

Gewinnung von Dozenten

Vor der Auswahl der Kurse interviewte der Untersuchungsleiter die Dozenten und besuchte einen Kurs bzw. Vortrag. Es sollte sichergestellt werden, dass die Kursleiter eine ausreichende didaktische Eignung besaßen und die Bereitschaft zur engen Kooperation mit dem Projektleiter mitbrachten. Gewinnung von Teilnehmern Beim ersten Vortrag wurden die Teilnehmer über das Ziel und den Aufbau der Studie sowie über die jeweilige Intervention informiert: Sprachkurse (Anfängerkurse in Englisch, Italienisch, Französisch und Griechisch), Computertraining, Gedächtnistraining, Psychomotorik, Nordic Walking, Kinesiologie (Gesund durch Berühren und Brain Gym), Qi Gong (Meditation) und als Kontrolle Gruppendiskussionen zu historischen und aktuellen politischen Themen. In der ersten Kurssitzung und nach 10 x Interventionen wurde ein anonymisiertes Testverfahren durchgeführt, in dem Wortflüssigkeit, Konzentration, Gedächtnis und Denken erfasst wurde. Durch den Vergleich der Leistungen vor und nach dem Kurs kann für jede Person eine Aussage über die Leistungsveränderungen getroffen werden. Zusätzlich wurde auf die psychologische Testung vor und nach Abschluss des Kurses hingewiesen und ein Beratungsgespräch im Institut für Gerontologie angeboten.

Soziodemographische Daten

An der Untersuchung nahmen N 284 Personen teil (228 Frauen, 56 Männer). Der Altersbereich betrug 35 Jahre (Minimum 57 Jahre, Maximum 92 Jahre, Mittelwert 71 Jahre, Standardabweichung 8,1 Jahre).

Alter: Die Verteilung der 3 Altersgruppen (50-64 Jahre, 65-80 Jahre, > 80 Jahre) wird bezogen auf die verschiedenen Interventionsgruppen und die Kontrollgruppe angegeben. Die Altersunterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen sind hoch signifikant (Chi-Quadrat: 93.1, df 12, p< .000). Die Altersgruppe der über 80-Jährigen – das Vierte Lebensalter – ist in den Kursen zur Kinesiologie 40,2 % sehr stark vertreten, in den anderen Kursen nur selten. Die Kinesiologiekurse für das Vierte Lebensalter wurden in demWohnstift durchgeführt, in dem das Durchschnittsalter der Bewohner bei 81,5 Jahren liegt. Die Altersgruppe der 65- bis 80-Jährigen zeigt die höchste Repräsentanz, gefolgt von den 50- bis 64-Jährigen. Das Durchschnittsalter der Stichprobe von 71 Jahren und die Standardabweichung von 8,1 zeigen deutlich, dass in der Mehrzahl das „Dritte Lebensalter“ beteiligt war.

Geschlecht: Von den 284 Personen, die an der Studie teilnahmen, waren 228 Frauen und 56Männer. In der Kontrollgruppe waren 43,5% Männer vertreten, in den Sprachkursen 29% und im Computerkurs 38%. In den anderen Interventionsgruppen schwankte die Teilnahme der Männer von 4,5% bei körperlichen Aktivitäten bis 13% bei der Kinesiologie. Die Unterschiede sind hoch signifikant (Chi Quadrat 27,9, df 6, p<.000).

Familienstand: Die Gruppe der verheirateten Menschen war am stärksten vertreten. Aus der Bildungsforschung ist bekannt, dass ältere Männer vor allem dann an Bildungsangeboten teilnehmen, wenn sie in Begleitung ihrer Frau Bildungseinrichtungen besuchen können. Ein Großteil der Teilnehmer war im Dritten Lebensalter, wo die Wahrscheinlichkeit noch sehr hoch ist, dass beide Partner noch leben. In dem Kinesiologiekurs haben überdurchschnittlich viele verwitwete Menschen teilgenommen. Dies erklärt sich aus dem recht hohen Durchschnittsalter im Wohnstift (81,5 Jahre) und der damit verbundenen größerenWahrscheinlichkeit, dass Verwitwung eintritt. Zwischen den Gruppen ergeben sich hoch signifikante Unterschiede in der Verteilung des Familienstandes (Chi Quadrat 42,2, df 18, p<.001).

Bildungsstand: Es finden sich keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf den Bildungsstand der Teilnehmer der Interventionsgruppen. (Chi Quadrat: 18,3; df 18; p<.4, Kampanaros, S. 177) Auffällig ist, dass der Realschulabschluss am häufigsten vertreten ist. Ein erheblicher Anteil der Gruppe weist einen Volksschulabschluss auf. Weiter fällt auf, dass mehr Teilnehmer ein Studium absolviert als das Abitur abgelegt haben. Bei diesem Ergebnis ist zu berücksichtigen, dass vor 50 bis 75 Jahren die Bildungsmöglichkeiten und Schulabschlüsse besonders auch in (Nach-)Kriegszeiten schwieriger waren. Selektivitätseffekte der Stichprobe zwischen erstem und zweitem Messpunkt

Zum ersten Messzeitpunkt nahmen N 286 Personen teil und zum zweiten Messzeitpunkt N 196 Personen – d.h., dass 90 Personen zum zweiten Test nicht erschienen. Die Stichprobenausfälle wurden daraufhin untersucht, ob Selektionseffekte in den Merkmalen Alter, Bildungsstand, kognitive Leistungsfähigkeit, Persönlichkeit und subjektiv erlebter Gesundheitszustand bestehen. Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (Chi Quadrat: 7,6; df 2; p=0.25, Kampanaros, S. 181) ergaben sich in Bezug auf das Alter. Das Risiko, am zweiten Messzeitpunkt nicht mehr teilzunehmen, war bei den ältesten Teilnehmern höher als bei den jüngeren. Bei den anderen Merkmalen Bildungsstand, kognitive Leistungsfähigkeit, Persönlichkeit und subjektiv erlebter Gesundheitszustand ergaben sich keine statistisch signifikanten Unterschiede.

Testverfahren und Aufgaben

Folgende Testverfahren wurden eingesetzt:

• Aufmerksamkeits-Belastungstest von Brickenkamp d2

• Leistungsprüfsystem LPS 50+

• Hamburg-Wechsler-Intelligenztest

(HAWIE-R)

Aufgabe 1 und 2: Wortschatz

Aufgabe 3: Logisches Denken

Aufgabe 4: Wortflüssigkeit

Aufgabe 5: Sprachverständnis

Aufgabe 6: Wortflüssigkeit

Aufgabe 7: Räumliche Vorstellungskraft

Aufgabe 8: Konzentration

Aufgabe 9: Kurzzeitgedächtnis

Aufgabe 10: Abstraktes Denken

Für die Durchführung der kognitiven Testung wurden – einschließlich der Einführung in die einzelnen Aufgaben und Untertests – insgesamt 120 Minuten benötigt. Es wurde jeweils zweimal eine 10-minütige Pause eingelegt. Vor Beginn der Pausen wurden die bearbeiteten Testmaterialien eingesammelt und wieder ausgeteilt.

Kurse der Interventionen

1) Computerkurse: Nach einer ersten Einführung in den Umgang mit Computern wurden die Teilnehmer allmählich im Gebrauch des Testverarbeitungsprogrammes Microsoft Word 2000 unterrichtet. Anschließend wurde den Teilnehmern gezeigt, wie sie die Möglichkeiten des Internet – Recherchieren, Eröffnen eines kostenlosen Postfachs, Versenden und Empfangen von E-Mails – nutzen können.

2) Qi Gong: In den Übungen wurden die drei grundlegenden Prinzipien des Qi Gong angewandt: Regulierung und Harmonisierung des Atems, korrekte Körperhaltung als Voraussetzung für das richtige Verhältnis von An- und Entspannung für das Aktivieren des Qi sowie Harmonisierung des Geistes durch intensive Konzentration und Meditation.

3) Kinesiologie mit den Methoden Gesund durch Berühren und Brain Gym: Im Gesund durch Berühren wurden die 12 Grundmuskeln, die über die 12 Haupt- Meridiane mit den Organen in Verbindung stehen, als Körperübung eingesetzt, und zwar im Verlauf der Chinesischen Maximalzeituhr. Die Meridiane wurden in Fließrichtung gestrichen, Anfangs- und Endpunkte gehalten und die neuro-emotionalen Punkte getriggert. Brain Gym umfasst 26 Übungen, die die drei Dimensionen des Gehirns anregen.

a) Die Mittellinienbewegungen überkreuzen die Mittellinie des Körpers und regen damit das Corpus callosum des Gehirns an. Diese Übungen aktivieren beide Seiten des Körpers und des Gehirns und fördern die Koordination beider Augen, Ohren, Hände, Füße und Rumpfmuskeln. Dadurch können möglicherweise mehr interhemisphärische Faserverbindungen vorwiegend im Corpus callosum hergestellt und dadurch der Informationsaustausch zwischen beiden Gehirnhälften im Sinne einer somatosensorischen Integration gefördert werden. (Hannaford 2004)

b) Die Längungsbewegungen dehnen die Kampf- und Flucht-Muskulatur, die sich bei Stress verkürzt, und bringen sie in die Entspannung zurück. Dadurch bilden sich neuronale Verknüpfungen im Gehirn, die die Verbindung herstellen zwischen dem abgespeicherten Wissen im hinteren Anteil des Gehirns und der Fähigkeit, diese Information imVorderhirn zu verarbeiten und auszudrücken. (Dennison und Dennison 2004) Diese Übungen helfen auch, persistierende Restreflexe langsam aufzulösen und damit Lernblockaden zu beseitigen.

c) Die Energieübungen und das Halten spezieller Akupunkturpunkte zum Fördern positiver Einstellungen helfen, die Nervenverbindungen zwischen Körper und Gehirn zu aktivieren und erleichtern das Fließen elektromagnetischer Energie im ganzen Körper. (Dennison und Dennison 2004) Diese Übungen aktivieren die Energie der Meridiane, die aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt sind. Durch die Plastizität des Gehirns und des Zentralnervensystems auch im Erwachsenenalter lässt sich annehmen, dass gezielte Körperbewegungen und ihre Abfolge Veränderungen in der Verknüpfung synaptischer Netzwerke und damit strukturelle Veränderungen bewirken können.

d) Wassertrinken:Während der kinesiologischen Interventionen wurde darauf geachtet, dass die Teilnehmer ausreichend Wasser tranken. Dermenschliche Körper besteht größtenteils – ca. 70%, je nach Alter - aus Flüssigkeit, die sich unterschiedlich auf das Körpergewebe verteilt. (Pritzel et al. 2003) In der Literatur wird beschrieben (Klinke Silbernagel 2002), dass ein Wassermangel des Organismus die Funktion der Zellen des Zentralen Nervensystems beeinträchtigt. Dadurch können neurologische Ausfallerscheinungen wie Lethargie, Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, Delir und Koma auftreten. Störungen des Elektrolythaushalts verursachen Muskelschwäche und Muskelkrämpfe. Studien von Wilson und Morley (2003) und Ferry (2005) legen nahe, dass eine Dehydration des Organismus bei älteren Menschen wegen der Abnahme des Durstgefühls häufiger auftritt. Durch diese Dehydration werden das Gedächtnis und andere kognitive Prozesse negativ beeinflusst.

Nach Dennison (2004) können sich diese Übungen möglicherweise positiv auf visuelle Aufmerksamkeit und Inhibition, Konzentration, Kurz- und Langzeitgedächtnis, assoziatives Denken, Koordination, Hör- und Leseverständnis und Auffassungsvermögen auswirken. (Dennison und Dennison 2004, Drabben-Thiemann et al. 2005)

4) Gedächtnistraining: Das Gedächtnistraining hatte zum Ziel, Prozesse der Informationsaufnahme, der Informationsverarbeitung und der Wiedergabe von Informationen zu trainieren sowie Wissen über die Strategien zur Kompensation alternsbedingter Funktionseinbußen zu vermitteln. Der Ansatz der Ganzheitlichkeit berücksichtigte die motorische, affektive, soziale und kognitive Dimension sowie Memotechniken.

5) Sportliche Aktivität: Es wurde ein rein psychomotorisches Training sowie funktionelle Gymnastik durchgeführt. Die Vielfalt der Übungen – Stretching, Stuhlgymnastik, Sitztanz, Ballspiele – zielte sowohl auf die Aufrechterhaltung bzw. Wiedererlangung und Weiterentwicklung von Reaktions-, Gleichgewichts-, Kraft-, Rhythmisierungs- und Umstellungsfähigkeit als auch auf die allgemeine Beweglichkeit ab.

6) Spracherwerbskurse: Das Hauptziel dieses Angebots bestand darin, den älteren Teilnehmern Grundkenntnisse der Aussprache, Grammatik und Syntax der jeweiligen Fremdsprache zu vermitteln. Angeboten wurden Englisch-, Französisch-, Italienisch- und Griechischkurse. Es sollten die kommunikativen Fähigkeiten der Teilnehmer im alltäglichen Kontext gefördert werden.

7) Diskussion Kontrollgruppe: Über aktuelle Themen wurde informiert und diskutiert. Auch persönliche und gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit wurden thematisiert.

Der Beitrag wird in CO.med fortgesetzt.


Kontakt zu Herrn Kampanaros:

www.neathalpi.gr

Kontakt zu Frau Weber:

Internationale Kinesiologie Akademie, Cunostr. 50-52, D-60388 Frankfurt-Bergen, info@kinesiologie-akademie.de, www.kinesiologie-akademie.de