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Akademisierung: Ja oder Nein?
Autor: Claudia Leyh-Dexheimer

Als ich im Shiatsu-Journal vom neuen Studiengang „Komplementäre Methoden“ las (u. a. mit Shiatsu-Schwerpunkt), war ich zunächst angetan. Schon die angebotene Fächerkombination, die z. B. die Themen Körperpsychologie, Rollenverständnis, Therapeutische Kommunikation und Neurowissenschaften aufgreift, sprach mich sehr an. Ich sah die Möglichkeit, Dozenten zu begegnen, denen ich meine Fragen stellen konnte, die im Laufe meiner langjährigen Shiatsupraxis aufgekommenwaren. Die Aussicht, wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen, Grundlagen der Forschung kennenzulernen und den Abschluss „Bachelor of Science“ zu erlangen, ließ mich den Schritt wagen, das Studium zu beginnen.

Als ich einer Klientin davon erzählte und von meiner Begeisterung für Statistik und Neurowissenschaften, fragte sie mich: „Warum tun sie das? Sie machen doch etwas ganz anderes. Diese Art des systematischen Denkens haben sie doch mit Shiatsu hinter sich gelassen.“ Das Thema „Struktur“ sollte mich daraufhin noch beschäftigen – und das setzt sich bis heute fort.

Ich musste mich während der Vorbereitung auf das Studium oder auch bei der Erstellung von Präsentationen und Texten von nun an immer wieder fragen, ob ich denn in den Kategorien und Strukturen denken und arbeiten wollte, die hier verlangt wurden: Vorgegebene Programm-Masken, Fragen und Lösungsmöglichkeiten. – Es hieß also, Denkstrukturen im „Ja/Nein-Format“ zu entwickeln. Oder aber nach einem klar vorgegebenen Schema zu schreiben, wie dies bei wissenschaftlichen Texten üblich ist: Inhaltsangabe – Einleitung – Hauptteil – Schlussfolgerung – Literaturliste. Wollte ich mich wirklich auf dieses „Entweder – Oder“ einlassen?

Bei der Recherche zum Thema Schlafstörungen stieß ich im Buch „Schlafmedizin“ auf folgende Aussage: „Die Polysomographie stellt das Kernstück bei der Diagnostik von Schlafstörungen dar. Sie ist in der Lage, den Schlaf und seine pathologischen Veränderungen objektiv zu erfassen.“ [1] – Aber was ist mit den Patienten, die objektiv nicht schlafgestört sind, aber subjektiv trotzdem morgens Müdigkeitsgefühle haben? Hier müssen andere Optionen greifen. Im selben Buch, das sich im Übrigen als „höchst wissenschaftlich kompetent“ [2] bezeichnet, fand ich interessanterweise auch ein Kapitel zum Thema Entspannungsverfahren und Fantasiereisen.

Und beim Durchblättern des „Handbuch der Körperpsychotherapie“ [3] schöpfte ich Hoffnung. Ich traf auf ein mir vertrautes Sprach- und Gedankengut. Die Titel der Autoren lassen darauf schließen, dass es sich um wissenschaftlich arbeitende und denkende Menschen handelt. Im zweiten Geleitwort fand ich dann Begriffe wie „Yoga, Tai Chi [....] rhythmischen Körperaktivitäten [...].“ [4]

Die Aussage „Die Möglichkeit einer Heilung [...] durch Bewegung, Berührung [...] sind so offensichtlich“ [4] zeigtemir schließlich, dass unsere ganzheitliche Arbeit mittlerweile Beachtung in der wissenschaftlichen Welt findet und ernst genommen wird. Beim Weiterlesen musste ich dann erfahren, dass ich zu einem Personenkreis gehöre, dem„nurwenig Interesse anwissenschaftlicher Methodik“ bescheinigt wird [4]. Damit kann ich leben, muss höchstens darüber lächeln. Worüber ich jedoch nicht lächeln konnte, war die Aussage: „Es muss dringend auf eine systematische Beurteilung hingearbeitet werden, welche Methode welcher Zielgruppe am besten helfen, welches die wichtigsten therapeutischen „Ingredienzen„ sind, und welche Modifikationen bei den verschiedenen Kliententypen besonders hilfreich sind.“ [4]

Da waren sie wieder: die Gedanken von Struktur, Kategorien und Systemen. Gedanken, von denen ich mich in jahrelanger Shiatsuarbeit in Bezug auf meine Klienten frei gemacht hatte.

Macht das Shiatsu nicht vor allemauch aus: dass wir unsere Klienten nicht in Kategorien einteilen, dass unsere Arbeit nicht systematisch, sondern oft intuitiv abläuft? Ich frage mich im Gegenteil: Forschen wir Shiatsu-Praktiker nicht jeden Tag aufs Neue, wenn wir uns auf unsere Klienten einlassen? Schaffen wir nicht seit Jahren Wissen beim Austausch in den Regionalgruppen und Veröffentlichungen im Shiatsu- Journal?

Würde ich meine Klienten immer nach einem gut strukturierten Fragebogen befragen, würde ich nur einen Teil dessen erfahren, was den Menschen ausmacht.

Wir haben nach einem langen Weg nun auch die Wissenschaftler auf unsere Arbeit aufmerksam gemacht. Wissenschaftler, die „Wissen“ sammeln und das „Geschaffte“ in einzelne Stücke zerteilen.Wird aber amEnde Shiatsu durch Strukturierung, Kategorisierung und Systematisierung so weit beschnitten, das nichts mehr davon übrig bleibt? Laufen wir Gefahr, dass die Gesundheitsindustrie uns entdeckt und uns marktwirtschaftlich verwertet? Geht es Shiatsu amEnde wie der Akupunktur, die zwar von manchen Krankenkassen bezahlt wird [5], aber nur bei bestimmten (Teil-) Erkrankungen. Die Behandlung erfolgt dann nach einem standardisierten Behandlungsschema. Der ganzheitliche Ansatz der Akupunktur, die den Menschen als Individuum sieht und therapiert, wird hier völlig ins Absurde verdreht. Durch Systematisierung, Herauslösen therapeutischer „Ingredienzen“ und die Einteilung in Klienten-Typen geht jene offen forschende Kraft, die auch die individuelle Shiatsuarbeit ausmacht, verloren.

Aus diesem Grund freue ich mich auf den nächsten Vorlesungsblock. Ich möchte nicht, dass Shiatsu in Einzelteile zerlegt und beschnitten wird.

Wir Praktiker sollten mitreden dürfen, wenn Begriffe für unsere Arbeit neu definiert werden. Und wir sollten die Sprache der Wissenschaftler beherrschen, damit sie uns auch verstehen. Umgekehrt wird es wohl vorerst schwierig bleiben.

Lassen wir uns von einer marktwirtschaftlichen Gesundheitsindustrie nicht die „Butter vom Brot“ nehmen. Pflanzen wir eine neue Wissenschaft in diese Welt! Eine, die kreative Blüten hervorbringt. Deshalb sage ich persönlich „Ja“ zur Möglichkeit, mich im Bereich Shiatsu akademisch weiterentwickeln zu können. Ich würde mich freuen, wenn dieser Artikel zu einem lebhaften Austausch zum Thema „Akademisierung von Shiatsu: Ja oder Nein?“ führen würde.

Der gleichnamige Artikel von Frau Leyh-Dexheimer erschien in leicht geänderter Fassung erstmals im Shiatsu Journal 77/2014.

 Literaturhinweis

1. Steinberg, Reinhard: Schlafmedizin – Grundlagen und Praxis. UNI-Med, 2. Aufl., 2010, S. 213

2. ebd., S. 3

3. Marlock, Gustl; Weiss, Halko (Hrsg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer Verlag, 2006

4. Von der Kolk, Bessel: Zweites Geleitwort. In: Marlock, Gustl; Weiss, Halko (Hrsg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer Verlag, 2006, S. X

5. www.tk.de/tk/leistungen-a-z/a/akupunktur/26138


 

Zum Autorin Claudia Leyh-Dexheimer

Ausbildung am ESI Heidelberg zur Shiatsu-Praktikerin, seit 2003 in eigener Praxis tätig sowie mit speziellen Angeboten in Firmen und Kindertagesstätten. Zurzeit Studium Bachelor of Science für Komplementäre Methoden / Shiatsu

Kontakt: shiatsu@shiatsu-offenbach.de