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Ist die Schambeinentzündung des Fußballers hausgemacht?
Autor: Dr. med. Werner Klingelhöffer

Autor: Dr. med. Werner Klingelhöffer

Sportkinesiologische Methoden als Ergänzung der Schulmedizin

Sie häufen sich, die Horrormeldungen über Profifußballer, die Schmerzen am Schambein haben. So kenn wir das von Ballack, Robben, Götze oder Ümit Davala usw. Überraschend vor allem, dass in einer Zeit, in der medizinische Abteilungen von sich reden machen, schnellstmögliche Heilungen zu vollbringen, aber plötzlich vonmindestens sechs Monaten Pause sprechen. Auf medizinischen Fachtagungen kommen viele Vorschläge bis hin zur täglichen Spritze an das Schambein mit Betäubungsmittel und zu regelmäßiger UV-Bestrahlung zur Erhöhung der Vitamin-DProduktion als Behandlungsversuch einer Inaktivitätsosteoporose. Das alles geht sicher bei selbstzahlenden Vollprofis, bei einem Kassenpatienten ist das wirtschaftlich ein Fiasko (mehr als einen Besuch im Quartal zahlen die Kassen nicht).

Es sollte deshalb darüber nachgedacht werden, wie man schulmedizinische Therapien in ihrer Nachhaltigkeit verbessern kann und was der Sportler selbst unternehmen kann (zur Prophylaxe oder zur Therapiebegleitung). Denn auch sportlich ambitionierte Kassenpatienten wollen kuriert werden. Alternative Behandlungsvorschläge werden zwar auch nicht vergütet, aber brauchen meist nur einmal pro Woche stattfinden. Zusätzlich ist die aktive Mitarbeit des Sportlers ein Teil dieses Therapieschemas. So bewegen sich die Schulmediziner von Spritzen bis zu Operationen, die Physiotherapeuten von Manueller Therapie über Reizstrom, Eis, Fango, Triggerpoints und den momentanen Hype Osteopathie. Ist deswegen im Vorfeld etwas falsch gelaufen?

Offensichtlich ist mit der Zunahme der Athletik im Fußball die Chance größer geworden, eine Schambeinentzündung zu bekommen.

Seit Klinsmann beim DFB sprechen wir vom CORE-Training, vor zu viel CORE-Stabilisierungstraining wird mittlerweile gewarnt, da die Hüftstabilisierung zur Unbeweglichkeit führen kann. So ist dort weniger wahrscheinlich mehr.

Diagnose

Aufgekommen ist dieses Krankheitsbild mit der Kernspintomografie, die im Knochen und am Gelenk des Schambeins Veränderungen darstellte.

Zu betonen ist, dass es sich hier um keine echte Entzündung auf Basis einer Infektion handelt.

Die bildlich darzustellenden Veränderungen treten aber nicht alleine auf, sondern sind immer eine Erscheinung auf Grund einer anderen Erkrankung oder Verletzung. Wir sprechen hier von einer Überlastungsreaktion vorerst unklarer Ursache.

Der Kernspinbefund liefert somit keine Diagnose, sondern nur einen Hinweis auf eine andere Ursache.

Und hier gibt es eine Menge: Muskeln, Nerven, Gelenke, Bindegewebe, Gangbild und auch manchmal die Psyche. Hier muss man suchen, was uns Ärzten nicht immer leicht fällt, denn getrieben von der Angst, nicht mehr Fußball spielen zu können, beginnt bei demSportler ein „Doktor-Hopping“, ein ständiges Wechseln des Behandlers, weil es ihm mit der Heilung nicht schnell genug geht.

Kennzeichnend ist jedenfalls der Schmerz, der vor allem beim Einbeinstand auftritt.

Mögliche Ursachen

• DieMuskeln und das Bindegewebe bilden ein genau ausgeklügeltes Zusammenspiel. Maßgeblich beteiligt sind hier die Adduktoren und der Oberschenkelstrecker, die Außenrotatoren (Gesäßmuskel und Sprintermuskel), die Hüftbeuger (der stärkste Muskel des Körpers) und die Bauchmuskeln. Vom Fußballer meist verpönt noch die Beckenbodenmuskulatur („ich bin doch nicht schwanger“). Nur, direkt am Schambein gibt es keine Muskeln, sondern sie setzen über Bindegewebe dort an. Das Krankheitsbild ist also der „Tennisellbogen“ des Schambeins. Und so ist es notwendig, auch über die bindegewebigen Strukturen, das myofasziale Gewebe, nachzudenken. Diese myofaszialen Strukturen sind wie ein Kartenhaus im gesamten Körper miteinander verbunden und nehmen insgesamt eine Fläche von ca. drei Fußballfeldern ein. Das Besondere an ihnen ist, dassman immer noch aufrecht stehen könnte, wenn man alles außer diesem Gewebe aus dem Körper entfernen würde.

Nerven: Unter demLeistenband verlaufen drei verschiedene oberflächliche Nerven, die sich auch nochmals teilen.

Gelenke: Nicht nur das Schambeingelenk, sondern noch einige andere sind amBewegungsvorgang beteiligt. Besonders anfällig sind hier das Steißbein-Beckengelenk, der Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Steißbein, und natürlich die Hüften.

Mehr Schieben als Laufen

Das Gangbild setzt sich aus diesen Anteilen, die ein fein abgestimmtes Zusammenspiel erfordern, zusammen. EinemSportmediziner kommen die Tränen, wenn er das Laufbild bekannter Fußballer sieht, die aus dem Lauf heraus im Hohlkreuz mehr schieben als laufen. (Das ändert nichts an den hohen Fußballkünsten der Spieler.) Für den Laien sind das kaum auszumachende Nuancen, die aber erhebliche Konsequenzen haben können.

Ein bestimmter Fußballertyp?

Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Meist verfügen diese Fußballer über ein sehr gutes Muskelkorsett, die Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur ist sogar fast übertrainiert. Sie laufen auf dem Vorfuß, setzen also die Fersen nicht auf und können die Hüfte nicht ausreichend nach hinten strecken. Diese Bewegungseinschränkung wird über ein verstärktes Hohlkreuz kompensiert. Die Spieler neigen nicht zum One-touch- System, Trainer bezeichnen sie eher als „Fummler“. Bevor sie den Ball abgeben, müssen sie noch ein bisschen spielen. Dies machen sie mit ganz wenig Bewegungsausschlag in leichterHüftbeugung. Besser gesagt: der Fuß macht wesentlich mehr als das restliche Bein.

Wir haben es also mit einer Verkürzung der Hüftbeuger und der Oberschenkelstreckmuskulatur zu tun, die Bauchmuskulatur wird aber deutlich gedehnt. Die Kompensation erfolgt über das Hohlkreuz. Zusätzlich kommt es zu einer disbalancierenden Belastung derWade durch den Zehenspitzengang. Hier dürfte auch der Grund liegen, dass diese Sportler ohne Fremdeinwirkung leicht muskuläre Probleme (Zerrungen, Faserrisse) bekommen.

Vorbereitung

Zuerst denken Fußballer an die Muskulatur. Hierüber erreichen sie die Schnelligkeit und das koordinative Zusammenspiel. Das bekannte Stretchen wird abgelöst vom „Dynamischen Stretchen“ (Abb. 2). Wir führen es im Meridianumlauf durch, um eine energetische Überlastung zu verhindern. Seitdem ist Muskelkater ein Fremdwort. In der Abbildung 2 wird das dynamische Stretchen der Adduktoren gezeigt.

Aus der Sportkinesiologie kennen wir weiter dieMassage der Fußpunkte zur Korrektur des Schritt-Koordinationsreflexes. Man erreicht mit dieser Massage eine Besserung der muskulären Koordination besonders an der Beinmuskulatur.

Training

Wir gehen davon aus, dass eine Verkürzung der Hüftbeuger und der Rückenstrecker und eine dauerhafte Dehnung der Bauchmuskulatur zur schmerzhaften Dysbalance führen. Das PowerLoop-Training (Abb. 3) bietet hier viele Möglichkeiten, diese Dysbalance zu korrigieren. Der Vorteil hierbei ist, dass weniger das Spielbein, sondern vielmehr das Standbein trainiert wird.

Womöglich liegt in der Dysbalance von Spielund Standbein eine Ursache der Schambeinüberlastung.

Alternative Therapie

Untersuchungen in der Akupunktur haben ergeben, dass die Effizienz einer Krankengymnastik bis zum19-fachen erhöhtwerden kann, wenn der Energiefluss gewährleistet ist. Auch ist die Nachhaltigkeit eines Therapieerfolges wesentlich höher. So setzen wir Akupunktur mit Moxa und Schröpfungen (Abb. 4) zur Ergänzung der Physiotherapie ein, nicht um sie zu ersetzen. Zusätzlich erhält der Patient eine Schulung, welche Akupressurpunkte und Neurolymphatischen Punkte (Muskelfernpunkte,) er zu Hause selbst aktivieren kann. Diese werden aber immer auch bei einer sportkinesiologischen Massage, ähnlich einer Tuina-Massage, angegangen. Auch können propriozeptive Einlagen zur Entlastung der Oberschenkelmuskulatur, der Wadenmuskulatur und zur Korrektur der Beckenkippung weiterhelfen.

Ein sachgerechtes kinesiologisches Taping dient als sehr gute Unterstützung. Da alle betroffenen Muskeln dem Feuerelement der Traditionellen Chinesischen Medizin zugeschrieben werden, werden sie in Lymphtechnik in Rot getapt.

Fazit

Wenn der Fußball immer schneller wird, dann müssen auch das Training und die Regeneration dazu passen. Es fällt auf, dass das Athletiktraining bereits in der Pubertät einen hohen Stellenwert besitzt, ohne dass ein entlastender Ausgleich erfolgt. Bei den von uns betreuten Jugendmannschaften legen wir daher im Training besonderen Wert auf das entlastende und balancierte Training der beschriebenen Körperregion.

Hausgemachten Gesundheitsproblemen sollte man sich bereits in der Jugendarbeit bewusst werden und gegensteuern.

Wenn Probleme auftreten, gehen wir diese gerne mit alternativen Methoden an, ohne dabei die Schulmedizin ganz zu vergessen. Das spezifische Training, die alternative Therapie, und die Ursachenerkennung bringen eine zeitverkürzende Therapiezeit und eine höhere Nachhaltigkeit der erreichten Wirkung. So wird nicht nur im Training, sondern auch in der alternativen Behandlung die Sportkinesiologie eine Therapieoption werden – nicht nur weil sie hilft, sondern weil sie dabei noch ohne Nebenwirkungen ist. Wir wollen, dass Sport Spaßmacht und nicht durch langwierige Verletzungen die Freude am Fußball vergeht.


Zum Autor Dr. med. Werner Klingelhöffer

Facharzt für Orthopädie, Sportmedizin, Akupunktur, Sportkinesiologie, amb.Operationen, Chirotherapie. Gastdozent an der „Internationale Kinesiologie Akademie“, die dort gelehrte Sportkinesiologie unterscheidet sich von anderen Instituten und ist deswegen nach ihm benannt worden. Buch- und Filmautor, Erfinder neuer Trainingsgeräte für die Sportkinesiologie, Gast-Trainer vieler Mannschaften unterschiedlicher Sportarten, Trainerausbildung, Gastdozent der Sportjugendherberge Bad Tölz und Seminarreferent der „Four Points Hotels“ in Lenggries.

Kontakt: www.kinsporth.de