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Gut gefragt – ist halb gewonnen
Autor: Claudia und Andreas Niklas
Warum der Erfolg der Kinesiologie vom jeweiligen Wissen und Bewusstsein eines Behandlers abhängt

Es ist wie mit der Prise Salz. Bis man wirklich weiß, wie viel Salz eine Prise ist, muss man kochen. Je öfter, desto besser, denn mit viel Praxis wird das Gespür für die jeweilige Prise immer besser.Mit demkinesiologischen Muskeltest ist das nicht anders. Weder ist er mit einem Buch zu erlernen noch an einem Wochenende. Muskeltesten erfordert sehr viel Übung, an Männern, Frauen, Kindern, an Jungen und Alten, an Bodybuildern und Couch Potatoes. Je mehr man übt, desto eher stellt sich diese gewisse Sensibilität ein, die zu souveränem Testen führen kann.

Dabei ist der Muskeltest nur das Werkzeug, mit dem ein Kinesiologe arbeitet.

Wasmit Kinesiologie tatsächlich erreicht werden kann, hängt immer vom jeweiligen Behandler ab, vor allem von seiner Kunst, die richtigen Fragen zu stellen.

Was aber sind richtige Fragen? Warum und unter welchen Bedingungen können vermeintlich richtige Fragen auch ganz falsch sein und damit auch falsche Antworten hervorrufen?

Bewusstsein und Wissen

(Auszug aus: Niklas, Claudia und Andreas:Kinesiologie. Kopfgold Verlag, Dachau, 2012 (ISBN 978-3-943424-02-7)

Anfang der 1980er-Jahre waren Gordon Stokes und Daniel Whiteside (Three In One) neben Dr. Jimmy Scott (Health Kinesiology) die ersten, die mit dem kinesiologischen Muskeltest verbale Fragen verknüpften. Dabei war die Reaktion des Muskels gleichbedeutend mit einer Antwort auf die gestellte Frage und zwar „Ja“, wenn er stark blieb, und „Nein“, wenn er auf die Fragestellung schwach wurde. Mit diesem Vorgehen, dem Körper direkte Fragen zu stellen und bei ordnungsgemäßem Testvorgehen sofortige Antworten zu bekommen, öffneten sich innerhalb der Kinesiologie neue Welten, die aber gefährlich werden können, wenn sie in grenzenloser Selbstüberschätzung betreten werden.

Stellen wir uns vor, dass jemand die Kinesiologie als Instrument für medizinische Diagnostik verwendet, aber kein medizinischer Profi ist. Er wird dem Körper seines Klienten nicht die richtigen Fragen stellen und deshalb Antworten erhalten, die ihn in die Irre führen.

Deswegen ist es so wichtig, dass der Kinesiologe über ein großes Wissen in den Bereichen verfügt, die er abfragt, weil er ansonsten in seiner Unwissenheit seinen Klienten mit Aussagen konfrontiert, die eventuell gar nicht der Wahrheit entsprechen.

Die Verantwortung ist enorm hoch, egal, ob es sich um seelische oder körperliche Probleme handelt.

Jeder Praktiker muss sich darüber im Klaren sein, welche Fragen zu stellen sind. Ansonsten wird es sehr wahrscheinlich, vom getesteten Körper falsche Antworten zu bekommen. Damit sind wir an einem wunden Punkt der Kinesiologie angelangt. Ihre größte Gefahr liegt nämlich im bewussten oder unbewussten Missbrauch ihrer Anwender. Denn neben der fundamentalen Annahme der Kinesiologie, dass im Körper alles mit allem verbunden ist, gibt es eine weitere, ebenso wesentliche, aber leicht missverständliche Annahme. Sie lautet: „Der Körper kennt die Antwort“.

Entsprechend dem Titel eines Buches von Dr. John Diamond, neben Dr. George Goodheart ein Kinesiologe der ersten Stunde, könnte man genauso gut sagen: „Der Körper lügt nicht“ oder auch: „Der Körper weiß alles“. Alle drei Aussagen gehören zum kinesiologischen Grundwissen und werden synonym gebraucht. Aber was bedeuten sie? Die Antwort scheint klar zu sein, und der anscheinend logische, aber irrige Gedankengang ist folgender: Wenn Kinesiologie bedeutet, nicht nur Zugang zum Körper zu haben, sondern auf jede gestellte Frage auch eine Antwort zu bekommen, was braucht man da noch selber zu wissen? Der Körper weiß ja alles. Schon die Anfänger in Kinesiologie- Kursen entwickeln mitunter Allmacht-Fantasien, wenn sie von dieser zweiten Annahme erfahren. Sie glauben plötzlich, sie könnten alles fragen, was ihnen in den Sinn kommt, und wüssten auch alles, weil der Körper des Klienten es ihnen doch sagt. Sie glauben, sie müssten jetzt nur noch das Instrument beherrschen, also testen lernen, und alles wäre wunderbar, weil sie jedem Klienten vollkommen und grenzenlos helfen könnten.

Das Gegenteil ist der Fall. Der Körper gibt Antworten auf die Fragen, die ihm gestellt werden, egal, welcher Klarheit und welchem Bewusstsein sie entspringen. Das ist eine Problematik, die vielen nicht wirklich bewusst ist, denn sie interpretieren den Körper als Universallexikon, das man einfach aufschlägt, darin blättert und unweigerlich die richtige Stelle und damit auch die Antwort findet.

Der Körper kennt aber nur die Antwort auf die ihm in einem bestimmten Bewusstsein gestellte Frage.

Sowohl der Wissenshintergrund als auch die Weltanschauung eines Behandlers sind ausschlaggebend für sein Bewusstsein, und sein Bewusstsein ist entscheidend für die Klarheit und die Richtung seiner Fragen. Wissenshintergrund, Weltanschauung und Bewusstsein haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Erwartungen, die ein Kinesiologe in sich trägt, und darauf, wie er seine Vorgehensweise im Gesamtkontext eines aktuellen Problems sieht. Damit gehören sie zu den Grundbausteinen der Kinesiologie. Der Muskeltest ist ein kinesiologisches Werkzeug, das absolut variabel benutzt werden kann. Wie jemand kinesiologisch behandelt oder begleitet, hängt auch davon ab, ob er an Gott glaubt oder nicht, ob er an Wiedergeburt glaubt oder nicht; es hängt von seiner Erkenntnis ab, was, um mit Goethes Faust zu sprechen, „die Welt im Innersten zusammenhält“, ob er an Schicksal, Zufall, Vorherbestimmung, an menschliche Selbstbestimmung glaubt oder eben auch nicht.

Weltanschauung und Bewusstsein liegen nicht so weit auseinander. Viele der großen kinesiologischen Gründer sind der festen Überzeugung, dass die Kinesiologie an sich nicht die tragende Rolle in der Behandlung oder Begleitung spielt, sondern das Bewusstsein des Behandlers. Es ist entscheidend für die Wirkung seiner Arbeit. Das Bewusstsein wird seinerseits aber auch durch die Art und den Umfang des individuell erworbenen Wissens geprägt.

Nehmen wir ein Beispiel, das man recht gut objektivieren kann: Wir betrachten ein Bild von Piet Mondrian (1872–1944), dem bekanntesten niederländischen Vertreter der Konkreten Kunst, der Anfang des letzten Jahrhunderts mit seinen auf Schwarz, Weiß und die Grundfarben reduzierten, wie mit dem Lineal gemalten Bildern Furore machte. Im späten 20. Jahrhundert beeinflusste er unsere Kultur noch immer so stark, dass ein Modemacher wie Yves Saint Laurent sich von ihm inspirieren ließ, und auch heute zieren Drucke von Mondrian-Gemälden so manches Wohnzimmer und Büro. Stellen wir uns vor, dass dieses Bild einen Kinesiologen aufsucht und über Ermüdungserscheinungen klagt. Der Kinesiologe kennt sich vielleicht mit Goethes Farbenlehre aus, tippt auf einen Mangel an Komplementärfarben und fragt den Bild-Körper, ob ihm Grün, Orange und Violett fehlen. „Ja“, antwortet der Bild-Körper. Die Komplementärfarben Grün, Orange und Violett fehlen ihm ja tatsächlich. Ah, denkt sich der Kinesiologe, dann müssen also Grün, Orange und Violett hinein, balanciert den Bild-Körper so, dass einige weiße Felder die Komplementärfarben annehmen und entlässt das Bild in dem Glauben, er hätte den der Müdigkeit zugrunde liegenden Mangel beseitigt. Das Bild sagt zum Abschied: „Von selber wäre ich nie darauf gekommen, dass ich einen Komplementärfarben-Mangel habe“, verlässt die Praxis und kommt nie wieder. Die Müdigkeit bleibt. Sie wird sogar noch schlimmer. Das Bild geht zu einem anderen Kinesiologen, von dem es gehört hat, dass er sich mit der Kunst auskenne. „Ich heiße Mondrian“, stellt es sich vor und erzählt kurz, dass es noch immer so müde sei, obwohl der Komplementärfarben- Mangel beseitigt worden sei. Der Kinesiologe wundert sich ein wenig; mit Mondrian, dem Künstler, hat er sich nämlich lange beschäftigt. Mit seinem Wissen von Mondrians Ideen und Zielen testet der Kinesiologe, ob bei dem Bild ein Zuviel oder Zuwenig an Komplementärfarben vorliegt. Die Antwort lautet: „Zuviel“. Er balanciert dieses „Zuviel“, bis die entsprechenden Felder wieder weiß sind und fragt den Bild-Körper noch einmal, ob ihm die Komplementär-Farben fehlen. Diesmal ist die Antwort ein entschiedenes „Nein“ und damit das Gegenteil vom Testergebnis des ersten Kinesiologen. Wie kann das sein?

Der Unterschied liegt im Bewusstsein des Wortes „fehlen“. Rein faktisch fehlen die Komplementärfarben selbstverständlich, sie sind nicht vorhanden. Die Frage ist aber, ob dieses Fehlen für dieses Bild in Ordnung ist, oder ob es sich um einen Mangel handelt. Der erste Kinesiologe hat seine eigene, durch Goethes Farbenkreis geprägte Vorstellung für die Wahrheit des Mondrian-Bildes gehalten, während der zweite Kinesiologe den Mondrian einen Mondrian sein lassen konnte.

Fehlinterpretationen der Körperreaktion des Klienten durch den Behandler und die daraus resultierenden falschen Schlussfolgerungen sind nicht nur ein verbreitetes Problem innerhalb der Kinesiologie, sondern gefährden die gesamte Kinesiologie in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz.

Kinesiologie funktioniert nur ab einem Bewusstseinsgrad und auf der Basis eines reichen Wissens.

Wenn sie von jemandem angewandt wird, der zu wenig Bewusstsein hat, funktioniert sie nicht oder nur zufälligerweise, weil er nicht genug Klarheit hat, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Fragen so klar zu stellen, dass er mit der Antwort etwas, und zwar das Richtige, anfangen kann. Mit Bewusstseinsgrad meinen wir kein Hochschulstudium. Natürlich braucht man für eine medizinische Diagnose ein großes Wissen in diesem Bereich, für eine gute kinesiologische Behandlung braucht man aber nicht nur fundiertes Wissen, sondern auch eine gewisse persönliche Reife. Mit dem Muskeltest hat man ein Hilfsmittel in der Hand, mit dem man andere nicht nur verstehen, sondern ihnen auch helfen kann – mehr nicht. Der Gebrauch dieses Werkzeugs kann sowohl von viel Licht als auch von viel Schatten geprägt sein. Man kann es positiv benutzen, indem man hilft, Erkenntnis zu erzeugen. Man kann es auch negativ benutzen, indem man Erkenntnis verhindert, sei es aus mangelndem Wissen oder mangelndem Bewusstsein oder sei es zur Manipulation und zur Ego-Erhöhung, indem man seinen Klienten sagt, was man glaubt, wer sie sind und was ihnen fehlt.

Immer sind beide Möglichkeiten gegeben, die helle und die dunkle, was natürlich auf die Psychologie genauso zutrifft.

Selbst-Erhöhung und Manipulation kommen in psychologischen Sitzungen ebenso vor wie in kinesiologischen. Um Psychologe zu werden, braucht man allerdings ein Universitätsstudium, eine Menge Wissen und etliche Prüfungen, die man bestehen muss, um seine Arbeit überhaupt erst den Menschen anbieten zu dürfen. Hingegen kann jemand ein kinesiologisches Wochenendseminar absolvieren und schon nach diesen zwei Tagen bei anderen Menschen psychische und / oder körperliche Prozesse auslösen, die sie vielleicht in tiefste Krisen stürzen. Das ist nach wie vor problematisch und führt zum Teil zu einer unguten Außenwirkung der Kinesiologie. Weder muss man viel wissen wie ein Arzt oder ein Psychologe, noch muss man ein weiser und tugendhafter Mensch sein, um Kinesiologie ausüben zu dürfen, aber genau das sind die Kriterien, die einen guten Kinesiologen nun einmal ausmachen und Voraussetzung einer effektiven Behandlung sind.


Zu den Autoren Andreas und Claudia Niklas

Andreas und Claudia verbinden als Autorenpaar fundiertes journalistisches Können mit reicher psychologischer und kinesiologischer Erfahrung in über 7.000 Einzelsitzungen. In ihrem neu erschienenen Grundlagenwerk positionieren der Diplom-Psychologe (Mitglied im erweiterten Vorstand des Europäischen Verbandes für Kinesiologie e.V.) und die Kunsthistorikerin die Kinesiologie zum ersten Mal exakt innerhalb der großen medizinischen, quantenphysikalischen und kulturellen Strömungen Europas und Amerikas. Darüber hinaus stellen sie die Begründer der weltweit bekanntesten Kinesiologiesysteme in 19 Interviews persönlich vor.

Kontakt: Klosterstr. 3c, D-85221 Dachau