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Sinnlose Sinnesdeprivation im Kindesalter
Autor: Prof. Dr. Rainer Patzlaff

Autor: Prof. Dr. Rainer Patzlaff

Telebabys und die Folgen

Medienkompetenz gilt als eine der Schlüsselqualifikationen, um in der Welt von heute und von morgen bestehen zu können. Dass sie keine Naturbegabung ist, sondern pädagogisch veranlagt werden muss, darüber herrscht Konsens. Wann und wie soll aber diese wichtige Fähigkeit veranlagt werden? Die meisten Zeitgenossen halten sich an das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ und plädieren für frühen Beginn. Zur Begründung wird gerne auf den wachsenden Konkurrenzkampf in der modernen Wirtschaft verwiesen, für den man die Kinder genügend ausrüsten müsse, indem man sie möglichst früh mit dem Fernsehen, dem Computer, dem Internet und dem Handy vertraut macht.

Die Folge ist, dass besonders bildungsbewusste Eltern dem Frühförderungswahn erliegen, nach der Parole „Man kann ja gar nicht früh genug anfangen“. Und so werden selbst kleinste Kinder schon an elektronische Geräte herangeführt – in bester Absicht. Es gibt aber auch den Fall, dass kleinste Kinder nicht aus pädagogischer Absicht mit den Medien konfrontiert werden, sondern schlicht aus Bequemlichkeit und Desinteresse. Fachleute sprechen hier von „Medienverwahrlosung“, die quer durch alle Gesellschaftsschichten anzutreffen ist.

Was auch immer die Motive sind – an der zunehmenden Verbreitung des frühkindlichen Fernsehkonsums ist nicht zu zweifeln. So stellten z. B. amerikanische Wissenschaftler 2007 bei einer Stichprobe in zwei US-Bundesstaaten fest, dass nicht nur 90 % aller Kinder unter zwei Jahren regelmäßig zwei Stunden vor dem Fernseher verbringen, sondern 40 % aller Kinder unter drei Monaten (!) bereits regelmäßige Television-Konsumenten sind.1 In den USA hat sich eine mindestens zweistündige Fernsehnutzung von Vorschulkindern so tief in die Lebensgewohnheiten der Familien eingebrannt, dass die dringenden Warnungen verantwortungsbewusster Wissenschaftler und Ärzte seit Jahren daran abprallen. In Deutschland erscheint die Lage nicht ganz so dramatisch, aber auch hier steigt der Fernsehkonsum trotz Internet und PC immer weiter an: 2011 sahen Erwachsene im Schnitt der Bevölkerung (ohne die Nichtseher) täglich 239 Minuten Fernsehprogramme an, also vier Stunden, und da sie das scheinbar unbeschadet tun, gibt es kaum Hemmungen, auch den Kindern reichlichen Fernsehkonsum zu erlauben, und zwar immer jüngeren Kindern: Die Sehdauer der Drei- bis Fünfjährigen betrug 2011 (ohne die Nichtseher) 139 Minuten, die der Sechs- bis Neunjährigen 151 Minuten pro Tag, also 2 ½ Stunden.2 Zu den Auswirkungen extensiven Fernsehkonsums im Kindes- und Jugendalter hat die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte eine erdrückende Fülle negativer Befunde zusammengetragen, die deutlich machen,

dass im vollsten Sinne des Wortes eine Beraubung (Deprivation) stattfindet. Nur einige davon sollen hier genannt werden.

• Die Aktion Kid-Check der Universität Saarland an 1.600 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren stellte 2008 fest, dass 40 % ihren Körper im Stehen nicht aufrecht halten konnten und bei geschlossenen Augen auch nicht das Gleichgewicht halten konnten. Als Ursache wurde angegeben: Kinder, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbringen, haben besonders ausgeprägte Haltungsschwächen. Grund ist eine gestörte Wahrnehmung der Kinder für den eigenen Körper (fehlende Propriorezeption).3

• In einer Studie an 4.000 Kindern, die bis zum sechsten Geburtstag schon 5.000 bis 6.000 Stunden Fernsehkonsum hinter sich hatten, stellten deutsche Psychologen fest, dass von einer einzigen Farbkategorie (wie Rot oder Blau) nur noch 130 Schattierungen wahrgenommen wurden, während früher 360 Schattierungen das übliche Maß waren.4

• Die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern mit viel TV-Konsum geht rapide zurück. 2003 wurde ein Rückgang in nur 8 Jahren um 20 % gemeldet. Britische Forscher meldeten 2005, dass Drei- bis Fünfjährige nur noch 20 bis 25 Minuten pro Tag mäßig bis intensiv körperlich aktiv seien und 76 % ihrer Zeit vor dem Fernseher verbringen. 5

• Die berühmte Studie von R. Hancox, die 1.000 Kinder 26 Jahre lang begleitete, kam zu dem Resultat: Ein TV-Konsum von mehr als zwei Stunden täglich im Alter von 5 bis 15 Jahren verringert die Wahrscheinlichkeit, mit 26 einen Schul- oder Universitätsabschluss erreicht zu haben. 17 % der 26-jährigen litten an Übergewicht, 15 % an schlechter Kondition, 15 % an zu hohem Cholesterinspiegel usw.6

• Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass Kinder mit regelmäßigem TV-Konsum signifikant schlechtere Schulleistungen erreichen.

• Zahlreiche Studien zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen frühkindlichem Fernsehkonsum und Übergewicht, bis hin zur Fettsucht (Adipositas).

• Auch der Zusammenhang von ADHS mit extensivem TV-Konsum im Alter von 1 bis 3 Jahre wurde nachgewiesen.7

• Die über 17 Jahre reichende Langzeitstudie von Johnson belegte 2002, dass sich schon ab einer Stunde Fernsehkonsum pro Tag die Gewaltbereitschaft signifikant erhöht. 8 Sie bestätigte damit die Ergebnisse zahlreicher früherer Studien.9

Was hier geschieht, ist nichts anderes als Kindesmisshandlung.

Sexueller Missbrauch ist in unserer Gesellschaft geächtet, und das Erschrecken war groß, als in jüngster Zeit das ganze Ausmaß jahrzehntelangen Missbrauchs zu Tage trat. Den wenigsten Menschen aber, die sich darüber erregen, ist die alltägliche Kindesmisshandlung durch extensiven Fernsehkonsum bewusst, die ganz öffentlich millionenfach geschieht und ebenfalls tiefe Spuren im Leben der Kinder hinterlässt. Er ist keine Basis für Medienkompetenz, sondern für Mediensucht. Nicht zufällig befasst sich die Forschung heute schon mit einer ganzen Palette von zunehmenden Mediensüchten, angefangen von der Fernsehsucht über die Computerspielsucht bis hin zur Handy-, Internet- und Chat-Sucht.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch der Autor dieser Zeilen ist der Ansicht, dass Medienkompetenz in der heutigen Zeit ein unverzichtbares Ziel jeder Bildung sein muss. Die Frage ist aber, ob dieses Ziel dadurch erreicht wird, dass schon Babys und Kleinkinder ausgiebigen Umgang mit dem Bildschirm pflegen. Moderne Forschungsergebnisse zeigen das Gegenteil.

Wie eine Blütenpflanze zuerst kräftige Wurzeln, Stängel und Blattwerk ausbilden muss, bevor sie eine Blüte hervorbringen kann, so muss auch das Kind zuerst einmal gründliche Arbeit an den Fundamenten seiner späteren Lebenstüchtigkeit leisten. Und an diese Arbeit begeben sich Kinder ganz von selbst: Der Leib, mit dem sie geboren werden, ist zwar mit lebenswichtigen Reflexen ausgerüstet; von einer willkürlichen Steuerung des Körpers aber ist das Neugeborene noch weit entfernt. Und doch beginnen viele Kinder schon am ersten Lebenstag mit Versuchen zur Koordination von Auge und Hand und zur willkürlichen Führung der Gliedmaßen. Beides treibt das Kind mit unerhörter Intensität voran. Es lernt nicht nur mit den Händen zu greifen, sondern allmählich auch den ganzen Körper zu „er-greifen“, sich zu wenden und zu drehen, den Kopf zu heben, zu robben und zu krabbeln, sich aufzusetzen und sich hochzuziehen. Das ganze Spektrum der Basal- oder Körpersinne (Tastsinn, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn) wird eingesetzt, um die Herrschaft über den Leib zu erringen. Diese sensomotorische Arbeit gipfelt in der Aufrichtung.

Kaum aber ist dieses sensomotorische Meisterwerk vollbracht, widmet sich das Kind sogleich einer zweiten Aufgabe: dem Erwerb der Feinstmotorik, die zum Sprechen notwendig ist. Weit über 100 Muskeln, angefangen vom Zwerchfell bis zu den Lippen, müssen blitzschnell koordiniert werden, um die einzelnen Laute korrekt hervorzubringen. Rund 1.500 Muskelbewegungen pro Sekunde (!) müssen exakt geführt werden – eine schier unvorstellbare Leistung, die völlig unbewusst am Vorbild der Erwachsenen erworben wird.

Keine der genannten Fähigkeiten fällt dem Kind von Natur aus zu. Alles wird durch intensivste Arbeit am Körper und durch intensivste Sinnestätigkeit erworben. Das Kind ist ständig in Bewegung (und nervt damit viele Erwachsene). Seine Regsamkeit zeigt sich aber nicht nur in seiner ständigen körperlichen Aktivität, sondern auch in dem unerschöpflichen Interesse, mit dem es allen Phänomenen der Welt zugewendet ist.

Die Hirnforschung weiß heute, dass die gewaltige Zunahme der Synapsenbildung im frühkindlichen Gehirn nichts anderes ist als die Frucht ebendieser unendlich reichen Tätigkeit (s. Abb. 1). Da sich das alles aber zunächst in völliger Unbewusstheit vollzieht, ist zu fragen, wer eigentlich der Täter hinter der reichen Tätigkeit ist. Wir kommen ihm auf die Spur, wenn wir zur Kenntnis nehmen, was die moderne Blickforschung über das menschliche Sehen herausgefunden hat. Ich habe darüber in einem früheren Aufsatz berichtet10 und fasse hier nur das Ergebnis zusammen: Ebenso wie das kleine Kind mit seinen Tastorganen die Gegenstände erkundet, erkunden auch die Augen die Objekte der Welt in lebhaften Abtastbewegungen: Während des so genannten Fixierens stehen sie keineswegs still, sondern erkunden den kleinen Ausschnitt des Gesichtsfeldes, in dem ganz scharf gesehen wird, mit blitzschnellen Mikrobewegungen (50-200 Hz), um dann nach etwa einer Sechstel- oder Fünftel-Sekunde zu einem anderen Punkt des Objekts zu hüpfen (Saccade in der Fachsprache) und dort aufs neue zu erkunden. Ins Bewusstsein dringt keine einzige dieser schnellen Bewegungen, wohl aber das Gesamtbild, das sich aus der Erkundung des Objekts ergibt. Wir sehen es völlig ruhig und meinen deshalb, es sei uns wie ein Foto von der Welt auf die Netzhaut gekommen. Doch das ist ein Irrtum: Jedes Bild ist durch aktive Muskelarbeit erzeugt, und diese unbewusste Muskelarbeit geht aus vom Ich des Menschen. Denn jeder Blickverlauf ist individuell, wie Experimente an Erwachsenen gezeigt haben. Wozu aber dienen die gewaltigen Anstrengungen, den Leib und das Gehirn zu höchster Funktionsfähigkeit auszubilden? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man den weiteren Lebensweg eines Kindes verfolgt: Die Individualität, die mit ganz bestimmten Kräften und Impulsen, Begabungen und Fähigkeiten auf die Erde kommt, möchte auf der Erde wirken, und dazu braucht sie einen Leib, der so durchgestaltet ist, dass sie auf ihm die ganz eigene, unverwechselbare Lebensmelodie spielen kann, die sein Wesen ausmacht. Ohne ein geeignetes Instrument könnte selbst das größte Genie nichts ausrichten. So legt das Kind in den ersten drei Jahren die Fundamente für ein selbstbestimmtes, ganz dem eigenen Wesen entspringendes Wirken in der Welt. Und nur wo das gelingt, finden wir später Menschen, die das Weltgeschehen mit neuen Impulsen und Ideen befruchten, die kulturell und sozial produktiv werden.

Genau dieses, nämlich die Arbeit an den Fundamenten des künftigen Lebens, wird durch extensiven Fernsehkonsum im Kleinkindalter hochgradig behindert oder sogar blockiert. Das mag übertrieben klingen, lässt sich aber durch eine Fülle von Forschungsergebnissen aus jüngerer Zeit belegen. Vieles davon kann auch ohne Wissenschaft wahrgenommen werden. So kann z. B. jeder beobachten, dass Kinder, die eben noch quirlig und mit größtem Tatendrang durch das Haus tollten, aktiv mit ihren Spielen beschäftigt, vor dem Bildschirm wie erstarren und körperlich in Passivität verfallen. Schlimmer noch: Ihr sonst so aktiver Blick wird durch die Technik des Bildschirms in eine glotzende Starre gezwungen11, weil die Bilder im Gegensatz zu natürlichen Objekten nicht abtastbar sind. Und so wird die oben beschriebene Augenaktivität auf ein Minimum reduziert. Damit beginnt bereits eine tiefgreifende Deprivation der Sinne, die durch weitere Zwänge noch verstärkt wird: Beim natürlichen Sehen stellen sich die Augen durch Veränderungen des Achsenwinkels (Akkommodation) auf die jeweilige Entfernung des Objekts ein, so dass mit Hilfe des Tast- und des Bewegungssinns am eigenen Leib die räumliche Tiefe erfahren wird. Vor dem Bildschirm aber muss die zu Beginn vorgenommene Einstellung während des gesamten Sehvorgangs unverändert bleiben, auch wenn zum Schein verschieden weit entfernte Objekte zu sehen sind. Dass allein stellt schon eine Misshandlung dar, wenn sie stundenlang anhält, denn die Blickstrategie der Augen wird, wie die Forschung weiß, erst langsam erworben und benötigt zur ihrer vollen Ausbildung rund 18 Jahre. Hinzu kommt, dass das Kind die Objekte, die es sieht, nicht anfassen und befühlen, nicht schmecken oder riechen kann. Seinem natürlichen Erkundungsdrang kann es nur höchst eingeschränkt nachgehen, und vor allem nicht in Muße und vom eigenen Interesse geleitet. Und doch zieht der Bildschirm es mit seinen schnellen Veränderungen unwiderstehlich in seinen Bann. Das aber bedeutet nach dem oben Gesagten: Das Kind wird massiv gehindert, den eigenen Leib mit den Körpersinnen zu ergreifen. Oder anders formuliert:

Der Leib kann nicht in genügendem Maße zum Instrument der Individualität ausgestaltet werden.

Die Forschungsergebnisse des Kinderarztes Winterstein12 zeigen diesen misslungenen Einzug in die Leiblichkeit in erschreckender Weise (s. Abb. 2): Kinder, die mehr als drei Stunden täglich ferngesehen hatten, zeichneten die menschliche Gestalt in einer Weise, die dem Stand von Dreijährigen entsprach. Man vergleiche die Zeichnungen der Kinder, die nur wenig ferngesehen hatten: Hier ist zu sehen, dass die Kinder bis in die Finger- und Zehenspitzen hinein im Leib angekommen sind, so dass er nun zur Verfügung steht für neue Aufgaben. Die Konsequenz aus den dargestellten Ergebnissen mag paradox klingen, aber sie entspricht der Wahrheit: Die beste Basis für eine gute Medienkompetenz ist eine weitgehend medienfreie Kindheit.

Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz.

Zur gesunden Entwicklung eines jungen Menschen gehört selbstverständlich auch eine Einführung in die Welt der Medien, aber erst, wenn die leiblichen Grundlagen stabilisiert sind, und das ist nicht vor dem zehnten Lebensjahr der Fall.

1 Süddeutsche Zeitung 9.5.2007
2 Media Perspektiven 4/2011
3 Pressemitteilung der Universität des Saarlandes vom 5.März 2008
4 Mit Kindern wachsen. Juli 2003, S. 2-8
5 Süddeutsche Zeitung 12.3.2003, Deutsche Medizinische
Wochenschrift 2005 Nr.50, S.2876-2878
6 The Lancet Vol.364, 17.July 2004, S.257-262
7 Christakis et al. in: Pediatrics Vol.113, April 2004, p.708-713
8 Johnson, Jeffrey G./ Cohen, Patricia / Smailes, Elizabeth M./ Kasen, Stephanie / Brook, Judith S.: Television
Viewing and Aggressive Behavior During Adolescence
and Adulhood. in: Science vol.295 march 2002, pp.2468-2471
9 Kinder- und Jugendmedizin 5 / 2002, S.203-208
10 CO’MED 1/2004, S.122ff. und 2/2004 S.123 ff.
11 Näheres dazu in meinem Buch „Der gefrorene Blick“, Freies Geistesleben, 2013
12 Winterstein / Jungwirth: Medienkonsum und Passivrauchen bei Vorschulkindern. Kinder- und Jugendarzt 37 (2006), S.205-211


 

Zum Autor Prof. Dr. Rainer Patzlaff

erfahrener Waldorfpädagoge und Medienforscher, gründete 2001 in Stuttgart das IPSUM-Institut, das durch die Ausbildung von ElternberaterInnen bekannt wurde und medizinisch-pädagogische Forschungsprojekte betreibt. Seit 2010 Lehrstuhl für Kindheitspädagogik und Institutsleitung an der Alanus- Hochschule (Alfter bei Bonn), Ausbildung von Kindheitspädagogen.

Kontakt: ipsum - Institut für Pädagogik,  Sinnes- und Medienökologie Gemeinnützige GmbH, Libanonstr.3 D-70184 Stuttgart